Architektur der Zuflucht

Fremde sollen eine Bereicherung für die europäische Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert werden

 Von Yasser Shretah, Deutsch-Syrischer Architekt
Yasser Shretah Deutsch-Syrischer Architekt. © Yasser Shretah.Durch eine tolerante und verständnisvolle Gesellschaft, die ein Gefühl von Zugehörigkeit, Schutz und Akzeptanz vermittelt, wird für die vielen Flüchtlinge, eine bessere und schnellere Integration ermöglichen. Gegenseitiges Interesse für die jeweilige Kultur des Anderen schafft Verständnis und eine gute Basis für ein freundliches Miteinander. Wir sollten die neu gewonnene Vielfalt als Chance betrachten und aus dem gemeinsamen Wissen und den gemeinsamen Fähigkeiten schöpfen und anderen Kulturen mit Neugier begegnen.

Wie können sich Architekten und Planer zielorientiert bei Bau und Betrieb von Unterkünften zur Versorgung von fremden Menschen einbringen?
 
Durch den permanenten und regional schwer zu kalkulierenden Zuwanderungsdruck bleibt für die Akteure kaum Zeit für strategische Ansätze. Daher sind bei Neubauten, Umnutzungen und Sanierungen Spontaneität, Innovation aber auch Idealismus und Einsatzbereitschaft gefragt. Fremde sollen eine Bereicherung für die europäische Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert werden.
 
Bei Wanderungsbewegungen haben sich bis heute diejenigen Gruppen durchgesetzt, die fähig zur konstruktiven Assimilierung waren. Gastfreundschaft ist im Orient, dem Ausgangspunkt der aktuellen Fluchtbewegung, ein hohes Gut, das aber im Umkehrschluss eine hohe Erwartungshaltung erzeugen kann. Wie sieht also die Architektur in den Herkunftsländern der Flüchtlinge aus und kann man funktionale oder konstruktive Ansätze adaptieren? Bei der konkreten Projektarbeit helfen konkrete bauliche Beispiele und städtebauliche Typologien. Erprobte Details lassen sich durch Fachwissen und Erfahrungen aus den Herkunftsländern verbessern. An den Schnittstellen in der neuen Heimat können positive Synergieeffekte für beide Seiten – Flüchtlinge und Aufnehmende – und eine gelungene Willkommensarchitektur entstehen.
 
Heterogene und spannungsvolle Stadtbilder
Die Stadtbilder in den Heimatländern der nun Heimatsuchenden zeichnen sich oft durch heterogene und spannungsvolle, interessante Charakteristika aus, ebenso wie die Menschen und deren Gewohnheiten und Lebensweisen. Dafür stehen exemplarisch einige architektonische Beispiele aus der Hauptstadt Syriens. Damaskus ist durch die Überlagerung verschiedener architektonischer Stile geprägt, deren Zusammenspiel eine lebenswerte Stadt entstehen lässt. So ist das Haus von Maktab Anbar in der Altstadt ein imposanter Barockbau, im Alharika Viertel dominiert der Kolonialstil. Im Alsalihia Viertel hingegen ist der mediterrane Stil zu lesen, der Alhijaz Bahnhof seines Zeichens ist wiederum ein Beispiel für den traditionellen Stil. Moderne Gebäude adaptieren und transformieren traditionelle Elemente der arabischen Architektur wie den Hof oder die bogenförmigen Fenster, so auch das Justizministerium. Die Nationalbibliothek oder das neue Opernhaus sprechen hingegen eine klare, moderne Architektursprache. Diese Vielfalt, auch der Einfluss der europäischen und internationalen Architektur, steht im Kontrast zur traditionellen Architektursprache und Baukultur der Dörfer.
 
Politiker, Architekten und Stadtplaner, die die Unterbringung von Flüchtlingen beeinflussen, planen und gestalten, sollten ihr Repertoire um die neu gewonnene Formenvielfalt und die konstruktiven Erfahrungswerte der Baukultur des Orients erweitern. So entstehen ein Zugehörigkeitsgefühl und ein interkultureller Dialog, die unsere Gesellschaft bereichern. Die Sichtweise der betroffenen Menschen zu berücksichtigen und gemeinsam neue, lebenswerte Wohnformen zu entwickeln bildet die Grundlage einer besseren Integration und Inklusion.
 
Architekten schaffen eine Architektur des Abkommens
Insbesondere in Ballungsräumen ist bezahlbarer Wohnraum knapp, eine Situation, die sich durch die aktuelle Flüchtlingswelle zuspitzt. Häufig werden schnelle, temporäre Baustrukturen für die Erstaufnahme und Folgeunterbringungen errichtet, die einem ersten Ansturm gut gerecht werden, aber teuer und funktional unbefriedigend sind. Dauerhafte Wohnungen statt Flüchtlings- und Containerlager sollten trotz eines begrenzten Immobilien- und Grundstücksmarktes, eines komplexen Bau- und Vergaberechts, langen Planungs- und Genehmigungsprozessen, das Ziel sein. Die konsequente Errichtung von neuem, qualitätvollem Wohnraum, die Tauglichkeit vorhandener Bausubstanz und die Aufnahmequalitäten im ländlichen Raum sind dafür Ansätze. Architekten können dafür Entwicklungsräume vorschlagen und eine Architektur des Ankommens schaffen.
 
Ein Handbuch und Planungshilfe zu Architektur und Bauten für Flüchtlinge wird von den Herausgebern Lore Mühlbauer und Yasser Shretah im Herbst 2016 als ausführliche Publikation erscheinen.
 

Gesellschaft | Migration & Integration, 18.03.2016
     
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