Es war einmal...

Einzigartiges Wasserprojekt zum Fischschutz

Niederländer hauen Loch in den Deich und bauen Migrationsfluss

Der Abschlussdeich (Afsluitdijk) in den Niederlanden gilt als Musterbeispiel zum Schutz vor Hochwasser. Doch während in der ganzen Welt als Antwort auf den steigenden Meeresspiegel die Deiche verstärkt und erhöht werden, durchbrechen die Niederländer kurzerhand ihren   Abschlussdeich und bauen darin einen Gezeitenfluss. Denn bisher ist das schnurgerade, 32 Kilometer lange Bollwerk inmitten des Meeres ein einziges Hindernis für viele Zugfische. Sie können auf dem Weg zu ihren Lebens- und Laichgebieten nicht mehr zwischen Süß- und Salzwasser wechseln. Das soll sich mit dem „Fischmigrationsfluss Abschlussdeich" ändern. Ab März 2018 können sich Interessierte in einem neuen Besucherzentrum über den Migrationsfluss informieren, im Jahre 2022 soll das gesamte Projekt eingeweiht werden. 

Der Fischmigrationsfluss entsteht am niederländischen Abschlussdeich. © Fryslan Marketing
Den Fischmigrationsfluss im „Afsluitdijk" sehen viele Experten als wichtige Lösung für die großen Herausforderungen, vor denen viele Deltagebiete auf der ganzen Welt stehen. Denn dort, wo es zuvor hauptsächlich um Wassersicherheit und Wasserqualität ging, steht jetzt die Frage im Fokus, wie technische Eingriffe in die Natur Vorteile für Flora, Fauna und die Menschheit bieten können. Das Wassermanagement im 20. Jahrhundert bedeutete eine Reduzierung der Küste und das Bauen von Deichen, im 21. Jahrhundert geht es um die Einbindung der Natur. 

Für viele Deltastädte in der Welt ist der „Afsluitdijk" ein interessantes Beispiel, wenn es um die erfolgreiche Abgrenzung des Meeres und die Schaffung von Neuland und Wassersicherheit geht. Aber diese Erfolgsgeschichte hat auch eine Kehrseite, denn nach der definitiven Abgrenzung im Jahre 1932 vollzog sich eine ökologische Katastrophe im jetzt abgegrenzten Binnengewässer, dem heutigen IJsselmeer. Der Damm verbindet die Provinzen Noord-Holland und Friesland, sorgt jedoch gleichzeitig für eine Barriere zwischen dem salzigen Wattenmeer und dem süßen Ijsselmeer. Zugfische, abhängig von Süß- und Salzwasser, können ihre althergebrachten internationalen Routen in die Lebens- und Laichräume nicht mehr nutzen. Das Resultat: eine dramatische Reduzierung der Fischpopulationen. 

Ökologische Verbindung zwischen Wattenmeer und Ijsselmeer wird wieder hergestellt 
Auf einer Länge von vier Kilometern können sich die Fische an den Übergang von Salz- zu Süßwasser gewöhnen. © Fryslan Marketing
Die Sicherheitsvorteile, die einst höchste Priorität hatten, haben somit auch eine Kehrseite. „Wir haben daraus gelernt und haben uns damit beschäftigt", so Direktor Arjan Berkhuysen vom niederländischen Wattenmeerverein, der gesellschaftlichen Organisation zum Schutz des UNESCO- Weltkulturerbes Wattenmeer. Er übernahm die Initiative – im Zuge der großen Renovierung des Afsluitdijks, der nach dem Willen der niederländischen Regierung ab dem Jahre 2022 für die nächsten 50 Jahre klimaresistent sein muss – einen Fischmigrationsfluss anzulegen.

„Diese Idee begann mit einer Lücke im Afsluitdijk. Denn eine permanente Öffnung in dieser Wassersperre wirkt sich positiv auf Zugfischpopulationen wie Aal, Meerforelle, Meerneunauge, Stint und Lachs aus. Diese benötigen für ihren Lebenszyklus aus Fortpflanzung und Heranwachsen sowohl Salz- als auch Süßwasser", so Berkhuysen. „Auf diese Weise stellen wir die jahrhundertealte ökologische Verbindung zwischen dem Wattenmeer und der Nordsee mit dem von Europa geschützten Naturgebiet um das IJsselmeer und dem angrenzenden Rhein-Stromgebiet wieder her." 

Vier Kilometer langer, neuer Wasserweg durch den Deich
Der Fischmigrationsfluss ist ein gut vier Kilometer langer, unbegradigter Wasserweg, der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ungehindert durch eine „Lücke" im „Afsluitdijk" fließt. Durch diese ausgeklügelte Länge können sich Fisch langsam an den Übergang von Salz- zu Süßwasser (und umgekehrt) gewöhnen. Bei Ebbe strömt das Süßwasser vom IJsselmeer ins Wattenmeer, bei Flut geschieht das Entgegengesetzte. Die Fische können sich von der Strömung tragen lassen, ohne kostbare Energie zu verlieren. Die Fische reagieren auf den Geruch des Süßwassers und die Strömung (Lockströmung) und finden auf diese Weise problemlos den Zugang zum Fischmigrationsfluss. Der Wasserstrom wird selbstverständlich kontrolliert, und bei starken Stürmen kann das System abgeriegelt werden. Das ist für die Sicherheit der Bevölkerung und für den Erhaltung des Süßwasservorrats des IJsselmeers essenziell.
Der künstliche Fluss wird in der Nähe des Mahlbusenkomplexes bei Kornwerderzand, einer ehemaligen Bohrinsel auf dem „Afsluitdijk", angelegt. Auf dieser Bohrinsel eröffnet im März 2018 das Besucherzentrum „Wadden Center" seine Türen. Hier können sich Besucher aus dem In- und Ausland über das Watten- und IJsselmeer, die Geschichte des „Afsluitdijk"s und den Fischzug informieren. Ab 2022 kann man von einem Boot aus den Fischmigrationsfluss begutachten und quer durch den „Afsluitdijk" laufen. Auf diese Weise verbindet man eine technische Maßnahme mit Edutainment, Erholung und Tourismus zum Thema „Wasser". Auch Wissenschaftler kommen nicht zu kurz: im Fluss wird ein Test- und Forschungszentrum gebaut, in dem das Wissen über das Migrationsverhalten der Fisch weiterentwickelt wird. Dieser Komplex soll ebenfalls spätestens 2022 eingeweiht werden.

 
Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wissenschaftlern, Fischern und Naturschützern
Die Kraft des Projektes steckt laut Berkhuysen hauptsächlich in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Instanzen, Ingenieurunternehmen, Fischern und Naturschützern. Die Entwicklung des Fischmigrationsflusses passt gut zum Motto des Planers des Afsluitdijks, Cornelis Lely: „Ein lebendiges Volk baut an seiner Zukunft." Jan Rotganz ist einer der beteiligten Fischer, der an einer neuen Zukunft arbeitet. Früher konzentrierte er sich auf Aale, aber sah, dass die Natur sich veränderte. „Anstelle von Aalen findet man im Wattenmeer heutzutage viele japanische Austern, Sandklaffmuscheln, Herzmuscheln und Schwertmuschel", sagt Rotgans. „Als der Aalfang abnahm, entschied ich mich, Rundfahrten für Touristen anzubieten. Die Ableger habe ich aber nie abgetreten, da ich davon ausgehe, dass der Aalfang sich letztlich wieder erholt. Hoffentlich trägt der Fischmigrationsfluss Afsluitdijk etwas dazu bei."

Inspiration für andere Länder
Der Fischmigrationsfluss ist einzigartig. Und das, obwohl es vergleichbare Situationen in anderen Teilen der Welt gibt und auch hier ein Übergang zwischen Salz- und Süßwasser nötig wäre. Durch die Entwicklung des Fischmigrationsflusses und anderer Übergänge zwischen Süß- und Salzwasser erwirbt der niederländische Wassersektor bedeutende Einsichten in die Verbesserung der Ökosysteme der Zugfische und der Nahrungsversorgung der Menschen. Das ist notwendig, da es um viele Fischpopulationen schlecht steht. Die weltweite Überfischung und die vielen Hindernisse haben das Ökosystem geschwächt. Die Fischbestände haben sich reduziert, was die Nahrungsversorgung gefährdet. Forscher aus den Vereinten Nationen haben die Notbremse gezogen: wenn wir jetzt nichts ändern, so ihre Warnung, gibt es um das Jahr 2050 herum keine Fische mehr in den Meeren. 
Immer mehr Länder erkennen, dass etwas geschehen muss. Der Fischmigrationsfluss im „Afsluitdijk" ist eine der Lösungen für geschlossene Deltas zur Fortsetzung der Regenerationsarbeiten. Aufgrund der Unaufschiebbarkeit dieses Problems kommen Delegationen aus dem Ausland in die Niederlande und lernen von den Deltawerken und dem Beispiel einer neuen, umweltfreundlichen Herangehensweise, dem Afsluitdijk. 

Fakten Fischmigrationsfluss „Afsluitdijk"
Länge: 4 Kilometer
Anzahl der Fische:hundert Millionen
Umfang des IJsselmeers:1.100 km²
Umfang des Wattenmeers:ca. 10.000 km²
Umfang:ca. 55 Hektar
Investition:€ 55 Millionen 
Durchgeführt von:„De Nieuwe Afsluitdijk" ist ein Verbund der Povinzen Noord-Holland und Fryslân sowie der Gemeinden
Hollands Kroon, Súdwest-Fryslân und Harlingen.
 
Kontakt: Anrieke van Ek | A.vanek@frysan.nl |  www.vismigratierivier.nl 

 
Umwelt | Naturschutz, 13.09.2017

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