Es war einmal...

Holy Shit! Heilige Scheiße?

Das ungenutzte Potenzial unserer Fäkalien

Die legendäre Geschichte vom Goldesel zeigt: Wer Scheiße zu Gold machen kann hat ausgesorgt. Doch heutzutage betrachten wohl die Wenigsten in unserer westlichen Gesellschaft menschliche Exkremente als wirtschaftliche Ressource, sondern vielmehr als Problem oder Müll. Dabei stecken in unseren Ausscheidungen ungeahnte Möglichkeiten…

Der Unterschied zwischen EcoSan und herkömmlicher Toilette © Johanna PerretAus dem indogermanischen stammend, hat sich die Bedeutung vom neutralen Begriff „skeid", was zunächst lediglich „Spalten, Trennen" bedeutet, zu einem der populärsten sprachübergreifenden Schimpfwörter gewandelt: scheiße, merda, shit – kaum eine Nation, die ohne den Kraftausdruck auskommt. Maßgeblich eingeleitet durch Luthers Fäkalpolemik trat das Schimpfwort seinen Siegeszug auch in der deutschen Sprache an. So wundert sich heute niemand, wenn sogar die Bundeskanzlerin vom „Shitstorm" spricht. Doch obwohl sich die umgangssprachliche Bezeichnung trotz ihrer Krassheit als Schimpfwort großer Beliebtheit erfreut:  Vor den eigentlichen Bezeichnungen „Kot, Stuhlgang, Fäzes" schreckt man fast zurück. Wer spricht schon gerne darüber, was zwischen leckerem Essen und dem Betätigen der Klospülung passiert – oder wohin der Spülvorgang führt?

So wurde der menschliche Kot, das komplexe Produkt eines ausgefeilten Verdauungsvorgangs und Teil eines großen Stoffkreislaufs, ins Abseits gedrängt. Er verschwindet unbeachtet in den Weiten unseres Abwassersystems und steht nun als eines der letzten wirklichen Tabuthemen der westlichen Gesellschaft da – außer im Nachhaltigkeitsbereich, denn der schenkt dem menschlichen Kot seit einigen Jahren durchaus Aufmerksamkeit. Aber wie kann das Thema diese Nische verlassen? Innovation ist abhängig von Bewusstsein und Akzeptanz und nur was als normal gilt, wird gesellschaftlich akzeptiert. Aus diesem Grund verzichten wir auf blumige Sprache und verlegene Umschreibungen und nennen die Scheiße beim Namen.

Industrialisierung verbannt Fäkalien aus den Städten – und dem Alltag
Was im Tierreich und der Natur automatisch durch Kompostierung in einem natürlichen Kreislauf abgebaut wird, war auch für den Menschen jahrhundertelang durch einfache Misthaufen und die Wiederverwendung durch Bauern geregelt. Erst mit Beginn der Industrialisierung wurden menschliche Ausscheidungen zunehmend zum logistischen und gesundheitlichen Problem. Die sprunghaft angestiegene Siedlungsdichte und das Fehlen eines funktionierenden Systems zum Abtransport der immer größer werdenden Massen an Fäkalien hatten katastrophale Folgen: Schlechte Hygienebedingungen, hohe Sterblichkeit von Kindern und Alten und mehrere Choleraepidemien mündeten in der „Städtereinigungsfrage". Vor allem in der Oberschicht erfreute sich das Wasserklosett als hygienische Alternative zur „Sammelstelle Plumsklo" großer Beliebtheit. Zwar verzehnfachte sich durch das Vermischen der Fäkalien mit Wasser die Menge, trotzdem trat das Wasserklosett seinen Siegeszug an. So wurde (und wird bis heute) die Schwemmkanalisation ausgebaut und verbessert.

Doch durch das Zusammenführen von Urin, Kot und Trinkwasser entstehen neben einer enormen Menge an Schwarzwasser auch andere Probleme: Neben den hohen Anforderungen an ein sicheres und effektives Kanalsystem ist die Wiederaufbereitung in Kläranlagen energie- und kostenintensiv. Zurückbleibende Biomasse endet im Klärschlamm, Stoffe wie Medikamente oder Hormone können nicht gefiltert werden und gelangen so zum Beispiel in Flüsse. Der Kritikpunkt am Wasserklosett ist daher nicht Wasserverschwendung, sondern vielmehr die Verschmutzung des Wassers (welche in weniger entwickelten oder wasserärmeren Ländern zu erheblich größeren Problemen führt) und das ungenutzte Potenzial der enthaltenen Nährstoffe.

Energiepotenzial wie Stein- und Holzkohle
Manche Unternehmen nutzen bereits das Potenzial von Komposttoiletten © Sam Buchli, KompotoiBeim gesunden Menschen besteht der Stuhlgang zu etwa 75 Prozent aus Wasser. Der Rest setzt sich aus unverdaulichen und unverdauten Feststoffen sowie chemischen Stoffen zusammen – und daraus ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten. Pilotprojekte zur Wiederverwendung menschlicher Ausscheidungen zeigen die ungenutzten Möglichkeiten der brachliegenden Ressource, ein Forschungsauftrag der United Nations University bescheinigt ihr ein bedeutendes soziales, ökologisches und ökonomische Potenzial.

So können Fäkalien zum Beispiel zur Energiegewinnung eingesetzt werden. Das populärste Beispiel sind Biogasanlagen, in denen durch die Vergärung von Biomasse ein wegen dem Methananteil von etwa 60 Prozent brennbares Gas entsteht. Neben anderen organischen Abfällen und Rohstoffen kommen zur Vergärung auch menschliche Fäkalien in Frage. So wird diese Technik mittlerweile in vielen Kläranlagen genutzt und es wird die Einführung von häuslichen Biogasanlagen erforscht.

Bisher weitestgehend unbeachtet ist das Energiepotenzial, das in der Verbrennung von getrocknetem Klärschlamm liegt. Dessen Energiegehalt ist mit dem von Stein- und Holzkohle vergleichbar und könnte somit vor dem Hintergrund von Boden- und Landdegradation durch Abholzung und der weiteren Zunahme der Feuerholz-Produktion eine wichtige alternative Energiequelle darstellen. Vor allem in wasserarmen Entwicklungsländern, in denen der fehlende Zugang zu sicheren Sanitärlösungen nach wie vor eine der häufigsten Todesursachen darstellt, bemühen sich Entwicklungsprojekte um die Einführung von alternativen Sanitärsystemen. Dort können diese sowohl der Verschmutzung von Wasserressourcen entgegenwirken, als auch ökonomisches Potenzial entstehen lassen.

Schon Hundertwasser machte sich für Nutzung der Fäkalien stark
In Fachkreisen gelten menschliche Fäkalien auch in Industrienationen als einer der am meisten unterschätzten Rohstoffe unserer Zeit. Insbesondere die enthaltenen Nährstoffe gewinnen an Bedeutung, vor allem in Hinsicht auf schwindende und ausgelaugte Böden und die Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft. Durch die im Vergleich zu anderen Säugetieren sehr abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährungsweise ist der menschliche Kot reich an Bestandteilen wie Stickstoff, Phosphor, Kalium, Schwefel, Kalzium oder Magnesium, bei denen es sich um hervorragende Düngemittel handelt.

Schon vor langer Zeit plädierte Hundertwasser in seinem Manifest für die Nutzung von speziellen Kompost- und Trockentoiletten, um die „Problemmasse" zur Ressource werden zu lassen. Komposttoiletten verwenden meist kein Wasser zum Spülen, somit wird Wasserverschmutzung vermieden und die Wiederaufbereitung vereinfacht. Sie separieren oft Kot und Urin schon im Auffangbehälter, um so die Geruchsbildung durch Bakterienbildung zu unterbinden und die beiden Stoffe leichter wiederaufbereiten zu können. Menschlicher Urin zum Beispiel enthält fast die gesamte Menge des Stickstoffes, der beim Verdauungsvorgang umgesetzt wird, außerdem auch signifikante Mengen an Phosphor und anderen Stoffen, die für Pflanzenwachstum wichtig sind. Nach ca. einmonatiger Lagerung bei ca. 20°C zur Abtötung von Keimen und einer eventuellen Verdünnung mit Wasser im Verhältnis 1:10 kann Urin als Alternative zu Kunstdünger eingesetzt werden und so einen wichtigen Kreislauf schließen.
Das birgt Vorteile, denn die Herstellung von Kunstdünger ist zum einen sehr energie- und kostenaufwendig, zum anderen basiert Kunstdünger auf endlichen Ressourcen wie Rohphosphat und enthält wasserlösliche Salze, die Bodenlebewesen abtöten und so die Humusbildung und natürliche Bodenfruchtbarkeit hemmen.
 
Menschlicher Kot – Hilfsmittel zur globalen Ernährungssicherung?
Obwohl menschlicher Kot weniger Stickstoff als Urin enthält, stellt auch er eine nachhaltige und kostengünstige Möglichkeit zur Nährstoffrückführung dar. So lassen sich die Feststoffe durch Kompostierung vollständig in wertvollen Humus umwandeln. Medikament- und Hormonrückstände, die bei herkömmlicher Klärung als Reststoffe in den Wasserkreislauf zurückgelangen, sind im Kompost und Humus besser abbaubar. Da die vom Körper ausgeschiedenen Giftstoffe zu 80 bis 100 Prozent im Kot enthalten sind, ist es vor der Nutzung als landwirtschaftliches Düngemittel wichtig, Hygienisierungsmaßnahmen anzuwenden. So können schädliche Bakterien oder Keime bei einer mehrstündigen Kompostierung bei über 50°C vollständig abgetötet werden. Um eine optimale Humusbildung zu erzeugen, werden den Fäkalien meist noch Trockenstoffe wie Holzspäne oder kohlenstoffhaltiges Material beigemischt. Durch Luftzufuhr und den Abzug von Feuchtstoffen werden Faulungsprozesse unterbunden.

Dieses Verfahren bildet auch die Basis zur Erzeugung von Terra Preta. Diese besonders stickstoff- und nährstoffreiche Erde wird seit einigen Jahren in der Nachhaltigkeitsdiskussion als möglicher Lösungsansatz zur Nahrungssicherung und Einschränkung der Erderwärmung diskutiert. Experten sprechen schon vom „Peak Soil", dem Moment, an dem die Fläche an fruchtbaren Böden nicht mehr ausreicht, um die Menschheit zu ernähren. Vor diesem Hintergrund forscht auch der Abwasserexperte Ralf Otterpohl seit Jahren an der Technischen Universität Hamburg an einer Lösung, wie menschliche Exkremente sicher und alltagstauglich zur Bodenverbesserung eingesetzt werden können. Laut Otterpohl kann menschlicher Kot nach zwei- bis dreimonatiger, richtig durchgeführter Kompostierung als ideale Bodenaufbereitung für Nutzflächen wie Holzplantagen genutzt werden. Langfristig gesehen bildet sich so nach spätestens zehn Jahren nährstoffreicher Boden, der auch in der Nahrungsmittelproduktion unbedenklich eingesetzt werden kann.

Einer der am meisten vernachlässigten Herausforderungen unserer Zeit
Für die kommende Ausgabe von forum ist ein Special zum Thema Abwasser und Rückgewinnung von Nährstoffen aus Abwässern und Fäkalien geplant.
 
Senden auch Sie uns Ihre Innovationen und Best Practise-Beispiele an d.wimmer@forum-csr.net
Zwar ist die Gesetzeslage zur Installation von Kompost-Toiletten im privaten Bereich in Deutschland zweischneidig durch Abfall- und Abwasserverordnung geregelt, doch gibt es ein ausgesprochen sinnvolles Einsatzgebiet: Im Eventbereich können mobile Komposttoiletten als Ersatz für herkömmliche Chemieklos gemietet werden. Durch die Verwendung natürlicher Materialien bieten sie ein positiveres Toilettenerlebnis. Und noch mehr: diese Toiletten verzichten auf chemische Mittel und chemische Reinigung, sichern eine gesammelte und sichere Kompostierung der menschlichen Fäkalien und schließen so einen wichtigen Kreislauf.   
 
Auch die Agenda 2030 der Vereinten Nationen greift in den 17 Entwicklungszielen das Thema Wasser sowie Verbesserung von Hygiene auf und erkennt so die enorme Bedeutung der Sanitärfrage für Nahrungssicherheit, Wasser- und Bodenressourcen, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit sowie Energiegewinnung an. Denn auch heute noch sterben jährlich über zwei Millionen Menschen, vor allem Kinder, aufgrund von fehlenden Sanitärlösungen.
We’ve put man on the moon, we transplant hearts, but we still don’t know how to sanitise human feaces." (Zitat aus der Studie ‘Closing the Loop – Ecological sanitation for food security’)
Die Weiterentwicklung alternativer Ansätze und Systeme zur Nutzung von menschlichen Ausscheidungen birgt daher nicht nur ein großes soziales, ökonomisches und ökologisches Potenzial, sondern stellt gleichzeitig auch eine der am meisten vernachlässigten Herausforderungen unserer Zeit dar. Da Innovation und öffentliches Bewusstsein oft eng verbunden sind stellt ein offener und aufgeklärter Umgang mit und eine Enttabuisierung des Themas eine große Herausforderung dar. Schon Hundertwasser formulierte recht treffend folgende Zeilen in seinem Manifest zur Komposttoilette: „Muss ich meine Scheiße verschenken und damit die Umwelt vergiften? Ich behalte sie mir lieber und wandle sie in Gold um."

Johanna Perret studiert Ökosoziales Design an der Universität Bozen. In ihrer Masterarbeit entwickelt sie einen Kommunikationsansatz zur Bewusstseinsbildung für das Potenzial der menschlichen Ausscheidungen als unterschätzte ökologische und ökonomische Ressourcen. Zudem unterstützt sie in den Bereichen Design und Kommunikation das Start-up „Recup". Mit einem Verleihsystem für Pfandbecher will es das Müllaufkommen von Einwegbechern für „Coffee-to-go" einschränken.

 
Umwelt | Ressourcen, 19.10.2017

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