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Schilfrohr ernten, Welt verbessern – was steckt dahinter?

forum goes Crowdfunding. Interview mit SENtypha Initiatorin Heidi Schiller

Heidi Schiller hat eine Vision: Nachhaltiges Wirtschaften im Senegal. Mit ihrem Unternehmen KAITO will sie dafür ein Schilfrohr ernten. Für dieses Projekt gibt sie im Herbst sogar ihr Amt als Vorsitzende der Münchner Grünen auf. Klingt ungewöhnlich. Wir schauen mal, was dahinter steckt!

Frau Schiller, ehrlich, Schilfrohr ernten? Was genau haben Sie im Senegal denn vor?
Heidi Schiller. Foto: KAITOSchiller
: Ich bin seit neun Jahren als Unternehmerin im Senegal tätig. Wir haben Dörfer mit Strom versorgt – und zwar ohne Netz mit Solarenergie. Zuletzt haben wir herausgefunden, dass Typha Australis ein super Baustoff wäre – und auch sonst ein Multitalent. Typha Australis ist ein Schilfrohr und das wächst am Senegal-Fluss ehrlich gesagt wie Unkraut.

Wie haben Sie denn rausgefunden, was in Typha steckt?
Schiller: In den letzten zwei Jahren war KAITO vom Senegalesischen Umweltministerium damit beauftragt, Prototypen für Baustoffe aus Typha zu erstellen. Wir haben mit Partnern in Österreich, Tschechien und Spanien gearbeitet, die Erfahrung haben, wie aus Hanf oder Stroh Baumaterialien entstehen. Mit ihnen gemeinsam entstanden dann Bausteine, Platten für den Fertigbau und einige Ideen außerhalb von Baustoffen, wofür die „Abfälle" noch so gut sein könnten.

Wofür denn zum Beispiel?
Schiller: Typha ist echt ein Wunderding. Daraus kann man auch Fischfutter machen oder Spanplatten für Kleinmöbel. Und aus den Spanplatten könnte man, weil Typha so gut dämmt, auch Kühlboxen bauen, aus den Fertigbauplatten sogar ganze Kühlhäuser, die nur noch ganz wenig Solarenergie bräuchten und überall stehen könnten.

Und warum macht das noch keiner?
Schiller: Oh, Typha wird schon genutzt – aber halt im ganz ganz kleinen Rahmen und handwerklich, nicht industriell. Damit man das im großen Stil machen kann, braucht’s eine effiziente Erntemethode. Die gibt’s aber noch nicht. Ich war sofort total begeistert von der Idee, aus dem Schilfrohr Häuser zu bauen. Um ein Haus zu bauen, braucht es etwa 240 Tonnen frisches Typha – die von Hand zu ernten ist keine Option, zumal wenn man Material für viele Häuser haben will. Wenn jetzt also mein Ziel ist, jeden Tag ein preiswertes Öko-Haus für Menschen im Senegal herzustellen und eine wirtschaftliche Perspektive in Ernte und Produktion zu haben, dann braucht’s erstmal die Methode zur Ernte.

Naja, aber wenn man dann das ganze Schilfrohr einfach abholzt, ist das doch bestimmt auch nicht gut für die Umwelt?
Schiller: Ganz im Gegenteil! Typha wächst wirklich wie Unkraut. Jedes Jahr werden’s 10 bis 15 Prozent mehr. Wenn man nur den Zuwachs ernten würde, würde das wahrscheinlich reichen, um eine erste Produktionseinheit mit Typha-Rohmaterial zu versorgen. Dieses Schilfrohr wuchert im Senegal-Fluss Schifffahrtswege zu und bedroht sogar die Trinkwasserversorgung der senegalesischen Hauptstadt Dakar.

Aber brüten im Schilf nicht Vögel?
Schiller: Die Vögel leiden sogar unter dem Schilf. Der WWF hat kürzlich Alarm geschlagen, weil der Djoudj-Nationalpark im Norden Senegals zuwuchert. Er bildet das drittgrößte Vogelreservat der Welt und ist Weltnaturerbe der UNESCO. Es ist aber so, dass die Zugvögel vor lauter Typha das Wasser nicht mehr sehen und deshalb dort nicht mehr Rast machen. Ein Vogelpark ohne Vögel ist ein Problem – nicht nur für die Vögel, das wäre auch ein Problem für die Menschen, denn der Djoudj-Park ist wegen der Tiere eine Touristenattraktion. Wenn die Zugvögel wegbleiben, bleiben bald auch die Touristen weg und damit versiegt eine wichtige Einnahmequelle für die Senegalesen.

Das Schilf zu ernten wäre also für Tiere und Menschen gut...
Schiller: Sehr gut sogar, davon bin ich überzeugt. Viele Menschen dort wissen schlicht und ergreifend nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Natürlich sehen sie deshalb keine Chancen für sich. Sie verlassen das Land, kommen als Flüchtlinge nach Europa. Kein Mensch flieht ohne Grund aus seiner Heimat. Nur wenn einer keinen Job und nicht genug zum Leben hat, dann ist das eben ein Grund! Wir wollen mit unseren Partnern vor Ort Perspektiven entwickeln, die im besten Sinne Hilfe zur Selbsthilfe sind. Wer Häuser baut, baut sich auch eine Zukunft. Wenn das mit nachhaltigen, ökologischen Mitteln geschieht, umso besser.

Sie haben ja zwei Kinder und einen Mann hier – was sagen die denn dazu, dass sie im Senegal Häuser bauen?
Schiller: Mein Mann ist auch geschäftlich mein Partner. Wir engagieren uns gemeinsam für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung im Senegal. Unsere beiden Kinder kennen das schon, dass oft ein Elternteil weg ist, sie sind das im Grunde von klein auf gewohnt. Sie sind jetzt 11 und 13 Jahre alt – naja, manchmal ist es natürlich schwierig für sie, vor allem, wenn mein Mann oder ich längere Zeit am Stück weg sind. Aber ich kann guten Gewissens im Herbst für einige Monate in den Senegal gehen – sie haben ja einen wunderbaren Vater! Und wir skypen und chatten. Außerdem kommen sie mich zu Weihnachten besuchen und wir feiern alle gemeinsam im Senegal.

Okay, aber mal ans Eingemachte: Klingt ja schön und gut, eine Methode zum Schilfrohrernten zu finden für den Senegal – aber wer soll das bezahlen?Schiller: Das ist so eine typische Idee, die als „nicht bankable" gilt. Also da traut sich keiner ran. Wir aber schon! Wir glauben an die Idee und sind überzeugt, dass da was Gutes bei rauskommt. Damit sind wir nicht allein: Vor knapp drei Wochen haben wir ein Crowdfunding für SENtypha, wie wir unser Projekt getauft haben, gestartet. Und das läuft wirklich gut an: Erfreulich viele Menschen sind bereit, sich zu beteiligen. Wir sind kurz vor dem Bergfest und bei 70 Prozent unserer Fundingschwelle. Das Gute am Crowdfunding ist ja, dass man schon mit einem kleinen Betrag von 10 Euro dabei sein kann. Wenn viele Menschen hier ein kleines bisschen Geld geben, dann können wir damit für viele Menschen im Senegal Großes bewegen.


 

Kurz gefasst: Unser Projekt SENtypha
Entlang des Senegal-Flusses wachsen riesige Mengen des Schilfrohrs „Typha Australis". Dieses Rohr ist ein Wunderding – aber auch eine Last. Einerseits nämlich wissen wir, dass es ein hervorragender Rohstoff für qualitativ hochwertige, ökologische Baumaterialen und vieles weitere ist. Andererseits aber wuchert es im Senegal-Fluss Schifffahrtswege zu und bedroht die Trinkwasserversorgung der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Das Problem: Bislang gibt es keine Möglichkeit, Typha im großen Stil zu ernten. Lokale Wertschöpfung, Arbeitsplätze vor Ort, ökologisches Bauen – all das ist bislang nur eine theoretische Option.

KAITO will einen Weg finden, die Ernte effizient und nachhaltig zu organisieren und Produktionseinheiten aufzubauen. So wollen wir den Menschen vor Ort eine Perspektive bieten. Den Anfang macht eine Crowdfunding-Kampagne, die vom 22. Juni bis zum 5. August unter https://www.startnext.com/sentypha läuft.

Über KAITO
Das Unternehmen bringt Strom und Arbeitsplätze in Gegenden, wo beides fehlt. Dafür entwickelt KAITO Projekte im Bereich Erneuerbare Energien und Umwelt, organisiert die Finanzierung und vermittelt geeignete Partner zur lokalen Umsetzung in Westafrika. Die kleine AG ist seit 10 Jahren mit Projekten der ländlichen Entwicklung im Senegal präsent und wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. Deutscher Solarpreis 2009, Ausgewählter Ort in „Deutschland – Land der Ideen 2011", sea – Sustainable Entrepreneurship Award 2012 und kürzlich den #SocEntBY 2016 Award.

Kontakt: KAITO Energie AG, Heidi Schiller | heidi.schiller@kaito-Energie.de | www.kaito-energie.de


Lifestyle | Geld & Investment, 13.07.2016

     
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