Klimaschutz hinter der Kamera

Eine Industrie im Aufbruch?

Michael Bully Herbig hat gezeigt, wie es geht. Der jugendliche Actionheld „Antboy" ist ­nachgezogen, Jan Fedder ist als Polizeioberkommissar im „Großstadtrevier” mit von der Partie und auch für Til Schweiger ist es inzwischen ein Thema, grün zu drehen. Damit sind sie Vorreiter, denn die Vergabe öffentlicher Film­fördermittel ist bisher nicht an Umweltauflagen geknüpft.
 
In den umgerüsteten Film- und TV-Studios der Bavaria werden die Primetime-Shows klimaneutral produziert. © 2014 Martin Henne / Bavaria StudiosBei seinem Kinofilm „Buddy" hat der Erfolgsregisseur, Produzent und Schauspieler Michael Bully Herbig gezielt auf die Einsparung von CO2-Emissionen gesetzt. Dazu inspiriert worden ist er von Thekla Reuten, der Botschafterin des Green Film Making-Projektes in den Niederlanden, mit der er für Leander Haußmanns Tragikomödie „Hotel Lux" gemeinsam vor der Kamera stand. Bei der Produktion seiner Komödie „Buddy” hat er schon in der Vorbereitungsphase eine Nachhaltigkeitsbeauftragte engagiert.
 
Jede Abteilung hat mitgespielt
„Wir sind in jede Abteilung hineingegangen”, berichtet Michael Bully Herbig. „Das Tolle war, dass jede Abteilung auch mitgespielt hat.” In der Ausstattung wurde beispielsweise mit Farben gearbeitet, die biologisch abbaubar sind und das Material von regionalen Lieferanten bezogen. „Ich habe den Nachhaltigkeitsgedanken schon ein Dreivierteljahr vor Drehbeginn thematisiert", erklärt der Regisseur. „Das sogenannte Green Film Making gibt es in den USA, Frankreich und England. Bei uns wird das noch ein bisschen stiefmütterlich behandelt."
 
Als der Regisseur mit seinem Projekt nach Hamburg kam, war er angenehm überrascht, dass die Film Commission Hamburg Schleswig-Holstein (FCHSH) einen Grünen Drehpass mit Handlungsempfehlungen vergibt, von dem auch „Buddy” profitierte. Bei der Umsetzung der nachhaltigen Maßnahmen erwies sich der Best Practice Guide der Filmförderung (siehe Kasten) als hilfreich.
 
65 Prozent weniger Müll
Michael Bully Herbig hat mit 'Buddy' gezeigt, wie grünes Drehen geht. © Birgit HeidsiekUm das Team für die Umweltaspekte beim Dreh zu sensibili­sieren, wurde die Nachhaltigkeitsbeauftragte Nicola Knoch von Anfang an in die Produktionsplanung des Films involviert, um die Abläufe zugunsten der Umweltverträglichkeit zu optimieren. Ausstattung und Requisite wurden angehalten, ökologisch unbedenkliches Material zu verwenden und beim Einkauf auf Produkte aus nachhaltiger Produktion gesetzt. Beim Catering, das über 11.000 Mahlzeiten umfasste, wurde weitestgehend auf Plastikgeschirr verzichtet. „Jedes Teammitglied hat eine nachhaltig produzierte Tasche mit einer ‚Dopperflasche‘ zum Abfüllen von Wasser und einer kleinen Thermoskanne für warme Getränke bekommen”, berichtet der Regisseur. „Allein durch diese Maßnahme haben wir während des gesamten Drehs 65 Prozent weniger Müll verursacht als andere Produktionen."
 
Der ökologische Fußabdruck von „Buddy" wurde mit einem CO2-Rechner ermittelt. Die Bilanz: eine Reduzierung auf weniger als 400 t. Der größte Anteil von über 150 t entfiel auf die mehr als 2.000 Übernachtungen, da die große Crew nicht in einem mit Ökostrom betriebenen Biohotel untergebracht werden konnte. Die Produktionsfahrzeuge schlugen mit einem Ausstoß von 112 t zu Buche, hinzu kamen 66 t für Flugreisen sowie rund 400.000 gefahrene Auto-Kilometer. Die nicht vermeidbaren Emissionen wurden durch Unterstützung eines regionalen Projektes zur Wiedervernässung von Mooren kompensiert.
 
Ein klimaneutrales Film- und TV-Studio
Das Ziel bei einer nachhaltigen Film- und Fernsehproduktion ist es stets, den CO2-Ausstoß zu minimieren. Diese Zielsetzung verfolgen auch die Bavaria Filmstudios, die zu den weltweit ersten klimaneutralen Film- und TV-Studios gehören. Der Ökostrom wird dort aus regenerativer Wasserkraft und Fernwärme aus Geothermie bezogen. Der Anfang 2013 eingeschlagene Weg zur Emissionsreduzierung und effizienten Energienutzung wird konsequent fortgesetzt. „Mit einem umfassenden Modernisierungsprogramm haben wir die Bavaria Filmstadt in den letzten Jahren zu einem klimaneutralen Produktionsstandort ausgebaut und damit die Voraussetzungen für Green Production geschaffen", bestätigt Bavaria Film-Geschäftsführer Achim Rohnke. „Unser Ziel ist, ein ressourcenschonendes und umweltbewusstes Denken unternehmensweit zu leben und dabei auch die Kunden mitzunehmen."
 
Emellie O‘Brien ging Spider-Man beim Dreh als Eco-Supervisor zur Hand. Die Bilanz: Über 750 Tonnen Müll wurden recycelt. © Niko TaverniseDer Einsatz innovativer Anlagen sorgt für eine effizientere Klimatechnik und Nutzung der Fernwärme. Sämtliche Maßnahmen wurden von „Ökoprofit" evaluiert. Die Initiative der Stadt München hat der Bavaria ein erstklassiges Umweltzeugnis ausgestellt. Von den Investitionen in eine ökologische Klimatechnik profitieren Fernsehshows wie „Aktenzeichen XY...ungelöst", die Primetime-Shows „Verstehen Sie Spaß" oder „Die große Show der Naturwunder", die dort in den umgerüsteten Filmstudios produziert werden. Die intelligente Steuerung der Kühlung regelt die Frischluft-Zufuhr nach Nutzung, so dass die Anlage nicht stets auf vollen Touren laufen muss. In der Nacht reicht sogar die freie Kühlung aus. Durch den Einsatz der ressourcensparenden Technologien werden die Studioproduktionen auf dem Gelände automatisch grüner. Auch die Grundbeleuchtung mehrerer Gebäude und Ateliers auf dem Gelände der Filmstadt ist auf LED umgestellt worden.
 
Sender setzen auf LED
Die Studio Hamburg FilmProduktion zieht bei TV-Serien wie 'Notruf Hafenkante' alle grünen Register. © Boris LaewenMittlerweile setzen viele Sender bei der Modernisierung ihrer Fernsehstudios auf energieeffiziente LED-Scheinwerfer und Hintergrundleuchten. Der Einspareffekt ist beachtlich. In dem ca. 800 qm großen Studio 3 auf dem NDR-Gelände in Hamburg, in dem tagesaktuelle Sendungen wie die „NDR Talkshow" oder „extra 3" produziert werden, verbrauchten die alten Leuchtstoffröhren bei Volllast im Studio jährlich rund 60.000 kWh. Mit LED beläuft sich der Stromverbrauch nur noch auf 36.000 kWh.
 
Zu erheblichen Kostensenkungen führt auch der Einsatz eines grünen Ü-Wagens, den die niederländische Fernseh-Produktionsfirma DutchView gebaut hat. Der 15-Tonnen-Laster, der mit Flüssiggas läuft, verfügt über eine Innenausstattung mit LED-Leuchtmitteln, OLED-Monitoren, Möbeln aus zertifiziertem FSC-Holz sowie einem Fußbodenbelag aus recyceltem PVC. Für die größte Energieeinsparung sorgt die Einrichtung eines separaten Equipment-Raums, der mit einer eigenen Klimaanlage ausgestattet ist, weil die Server stärker gekühlt werden müssen. Mit dieser Lösung, die zu einem 30 Prozent niedrigeren Energieverbrauch führt, ist ein Maßstab in der Fernseh-Branche gesetzt worden.
 
Grüne Animationsfilm-Produktion
Energieeffizienz ist ein Schlüsselthema, wenn es um Nachhaltigkeit im Filmbereich geht. Selbst Animationsfilme lassen sich stromsparender produzieren, wenn dabei Tablets oder Thinkpads eingesetzt werden. „Sie sind mit sparsamen 65 Watt-Netzteilen sowie Workstations und Servern mit mindestens 80 PLUS Gold zertifizierten energieeffizienten Netzteilen ausgestattet", erläutert der Animationsfilmproduzent Fabian Driehorst, der für den Kurzfilm „Däwit" auf der diesjährigen Berlinale einen grünen Drehpass erhalten hat. Nachhaltig gedreht hat ebenfalls Darren Aronofsky, Präsident der diesjährigen Internationalen Wettbewerbsjury in Berlin. Der New Yorker Filmemacher hat für die Produktion seines biblischen Epos „Noah" sämtliche Kostüme aus unbearbeiteten Stoffen schneidern lassen. Um Müll zu sparen, wurde am Set auf Plastikflaschen verzichtet und der eingesetzte Stahl der Wiederverwertung zugeführt. Zudem hat die Paramount-Produktion im Rahmen einer Wiederaufforstung an der amerikanischen Ostküste 500 Bäume gepflanzt.
 
Hollywood als grüner Vorreiter
Die großen amerikanischen Hollywoodstudios wie Sony Pictures, Warner Bros. oder Paramount haben schon vor einigen Jahren grüne Richtlinien für nachhaltige Praktiken im Produktionsbüro, im Studio und für Außendrehs entwickelt. Der amerikanische Produzentenverband Producers Guild of America verfügt mit dem PGA Green über eine eigene Abteilung, die den Filmteams kostenlos Werkzeuge zum nachhaltigen Produzieren an die Hand gibt. Zum Service-Paket gehören ein Production Guide mit Kontakten von Dienstleistern, Zulieferern und Servicefirmen, die nachhaltige Produkte und Leistungen anbieten, eine grüne App sowie ein CO2-Rechner zur Ermittlung des ökologischen Fußabdrucks. Hinzu kommen Kosten-Nutzen-Analysen von großen Referenzfilmen, in denen aufgezeigt wird, dass sich mit nachhaltigen Maßnahmen das Budget beachtlich reduzieren lässt.
 
Die New Yorkerin Emillie O‘Brien setzt mit ihrer Firma Earth Angel nachhaltige Maßnahmen am Set um: Bei der Produktion des Hollywood-Blockbusters 'The Amazing Spider-Man 2' wurden rund 198.000 Einwegwasserflaschen eingespart, die ausgereicht hätten, ganz Manhattan zu umrunden. © Niko TaverniseBei dem Blockbuster „The Amazing Spider-Man 2" belief sich die Kostenersparnis allein durch Müllvermeidung und Recycling auf knapp 50.000 Dollar. Bei „Noah" schlugen die grünen Maßnahmen mit 45.000 Dollar zu Buche. „Bisher ist bei jeder Produktion, an der ich mitgearbeitet habe, mindestens 50 Prozent weniger Deponiemüll angefallen, was den Produktionen tausende von Dollars gespart hat", bestätigt Eco-Supervisor Emellie O‘Brien, die in New York mit ihrer Firma Earth Angel nachhaltige Produktionsdienstleistungen anbietet. „Diverse Crew-Mitglieder, die mit mir zusammen bei grünen Produktionen gearbeitet haben, erzählen mir, dass sie es inzwischen als „falsch" empfinden, wenn beim Dreh nicht auf Nachhaltigkeit geachtet wird. Viele von ihnen fangen auch damit an, zuhause den Müll zu trennen."
 
Bewusstseinswandel in Europa
In einigen europäischen Ländern gehören Maßnahmen wie Mülltrennung, Recycling, Oköstrom und Biokost zwar in den Privathaushalten zum Alltag, finden aber bei Filmproduk­tionen nicht statt.
 
Aus diesem Grunde hat die flämische Filmförderung in Belgien 2013 damit begonnen, die Vergabe der öffentlichen Fördergelder an die Auflage zu koppeln, einen ökologischen Fußabdruck für die Produktion zu erheben. Die letzte Rate der Gelder fließt dort erst, wenn eine Schadstoffbilanz vorgelegt wird. Das setzt voraus, dass die Crew-Mitglieder sich mit grünen Produktionspraktiken auseinandersetzen. Dabei unterstützt die Filmförderung sie mit kostenlosen Workshops, einer grünen Produktionsfibel mit Firmenadressen sowie einem CO2-Rechner, der sich als Applikation in die Kalkulationsprogramme importieren lässt. Mit Erfolg. Dank des Projekts e-Mission werden die Filme dort jetzt grüner produziert.
 
Welche Anstrengungen die Filmbranche unternimmt, um nachhaltiger zu wirtschaften, ist das Thema einer internationalen Filmkonferenz, die Ende November in Paris im Vorfeld zum Weltklimagipfel stattfindet. Die audiovisuelle Branche plant gemeinsame Aktionen, um die Öffentlichkeit für diese Problematik zu sensibilisieren. Den Staatsvertretern soll vor dem COP21 gezeigt werden, dass es für viele Menschen auf der Welt ein erklärtes Ziel ist, einen weiteren Temperaturanstieg zu verhindern.
 
Best Practices für den grünen Dreh
„Vermeiden, verringern, verwerten” lautet das Motto des ­Grünen Drehpasses, mit dem die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) Empfehlungen zum nachhaltigen Drehen gibt. Die grünen Ratschläge reichen vom papierlosen Produktionsbüro über die Verwendung von energiesparenden Leuchtmitteln, dem Einsatz von Ökostrom oder wiederverwertbaren Kulissen bis hin zu Mülltrennung, Catering mit Lebensmitteln aus der Region oder der Nutzung von Hybridfahrzeugen.
 
Vorbereitung
Frühzeitige Kontaktaufnahme mit Cast und Crew, örtlichen Versorgern (Strom, Müll), Erstellung eines CO2-Fußabdrucks
 
Produktionsbüro
Einsatz energiesparender Lampen, energieeffizienter Umgang mit elektronischen Geräten, Verwendung von Ökostrom, Umstellung auf elektronische Kommunikation, Mülltrennung
 
Transport
Nutzung von Elektro- und Hybridfahrzeugen sowie öffentlicher Verkehrsmittel, Bildung von Fahrgemeinschaften, Besprechungen per Telefon- oder Videokonferenz
 
Kostüm und Maske
Verwendung von umweltfreundlichen Stoffen, Ausleihe von Kos­tümen aus einem Fundus, Abgabe nicht mehr benötigter Garderobe an einen Kleiderfundus, Benutzung von Naturkosmetik
 
Licht und Kamera
Einsatz energiesparender Leuchtmittel, Verwendung von Festnetzstrom am Motiv, bei Gebrauch von Generatoren Modelle mit sparsamem Verbrauch auswählen
 
Ausstattung und Set-Design
Verwendung von umweltfreundlichen Materialien, Holz mit FSC-Siegel, wiederverwertbaren Requisiten, für die Produktion von Nebel- und Raucheffekten CO2-arme, wasserlösliche Flüssigkeiten verwenden
 
Catering
Benutzung von Mehrweggeschirr, Wasserspendern, Verzicht auf Plastikflaschen und -becher, Bezug von Nahrungsmitteln und Getränken aus regionaler, biologischer und artgerechter Produktion, Ausgabe von Thermobechern, Reduzierung von Verpackungsmaterial, Mülltrennung und Kompostsammlung
 
Weitere Informationen:
www.greenfilmshooting.net

Dipl-Pol. Birgit Heidsiek
ist als Journalistin für nationale und internationale Fachzeitungen, Tageszeitungen und Online-Dienste im Film- und Medienbereich tätig. Als Herausgeberin des Branchen Bulletin betreibt sie das Medienmagazin Green Film Shooting sowie die deutsch-englische Internetplattform www.greenfilmshooting.net

Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 01.10.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2015 - Ertrinken wir in Plastik? erschienen.
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