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Mrs Social und Mr Business

Die EinDollarBrille - Hilfe für 150 Mio. Menschen

Die Social Buiness Start-ups-Serie präsentiert Ihnen dieses Mal eine Liebesgeschichte mit Durchblick. Erfahren Sie, wie eine einfache Brille die Welt verändern könnte. So gut ergänzten sich die Verliebten Mrs Social und Mr Business noch nie - und das, obwohl ein globales Problem ihre Liebe auf eine harte Probe stellte.

'Behinderte' Kinder können plötzlich ganz normal am Unterricht teilnehmen. Foto: © Martin Aufmuth"Hunderte Millionen Menschen in Entwicklungsländern können nicht sehen, weil sie sich keine Brille leisten können", las Mrs Social laut aus der Zeitung vor. Sie hoffte, ihr Partner könnte mit einem rettenden Einfall helfen. Mr Business dachte sofort an das verlorene wirtschaftliche Potenzial. Denn Menschen, deren Sehschwäche nicht behandelt wird, können nicht lesen, schreiben oder arbeiten. Er hatte eine Vision: Er wollte 150 Millionen Menschen dauerhaft mit Brillen versorgen.
 
Dazu entwickelte er eine spezielle Methode, denn die Brillen mussten gleichzeitig billig und vor Ort produzierbar sein. So würden in den Entwicklungsländern neue Jobs in der Herstellung von Brillen entstehen und Menschen endlich vernünftig sehen und somit arbeiten oder in die Schule gehen können. Mrs Social war begeistert von der Idee, die so viel Gutes versprach.


Martin Aufmuth, der Erfinder der EinDollarBrille, hält für forum die Anfänge seiner Initiative in Tagebucheinträgen fest.

09.06.2009 Beginn einer Vision - bezahlbare Brillen für arme Menschen
In dem Buch "Out of Poverty" von Paul Polak lese ich das erste Mal von einer Idee, die mein Leben und das meiner Familie dauerhaft verändern wird. Polak schreibt über eine Erfindung, die es noch nicht gibt: Eine günstige Brille, die sich Menschen leisten können, die von einem Dollar am Tag leben müssen. Ich denke: "Schade, dass es so eine Brille nicht gibt..." und lese weiter. Ein paar Tage später sehe ich im Ein-Euro-Laden zufällig Brillen für einen Euro! Ich überlege: Warum gibt es in einem reichen Land wie Deutschland Brillen für einen Euro und in armen Ländern nicht? Mein Forscher- und Erfindergeist ist geweckt.

13.11.2009 Der Entschluss - gute und günstige Brillen müssen her
Ich beginne zu recherchieren. Niederländer haben eine Brille für Entwicklungsländer entwickelt, bei der sich mit einem Rädchen zwei Linsen übereinander schieben lassen und man so die Stärke einstellen kann. Begeistert bestelle ich eine Brille und probiere sie aus. Das Sehfeld ist leicht eingeschränkt, das Bild etwas verzerrt, aber sie funktioniert. Ich möchte die Brille von meinen Fingerabdrücken reinigen und halte sie unter den Wasserhahn. Da passiert es: Der Hohlraum zwischen den beiden Linsen läuft voll wie ein Aquarium! Mit dem Wasser gelangt Schmutz zwischen die Linsen. In Afrika wird diese Brille nicht länger als eine Woche Durchblick gewähren. Ich bin schockiert: Das also ist die Antwort unserer westlichen Welt auf ein existentielles Problem, das hunderte Millionen Menschen in Entwicklungsländern haben? In diesem Moment fasse ich einen Entschluss: Ich möchte das ändern.
14.11.2009 Daniel Düsentrieb ist erwacht
Foto: © Martin AufmuthMonatelang sammele ich Informationen über Brillentypen und experimentiere mit verschiedensten Materialien. Ich baue eine Brille mit Fahrradbremskabel als Nasensteg, voll flexibel, günstig in der Herstellung, allerdings benötige ich dazu Schrauben. Und die können in Afrika unwiederbringlich verloren gehen. Ich verwerfe das Modell. Weitere Modelle folgen, ich arbeite etwa 1.000 Patente auf Ideen durch, durchforste das Internet und diverse Kaufhäuser nach verschiedenen Brillentypen und dann.

11.04.2010 Die erste EinDollarBrille ist fertig
Der Rahmen aus gebogenem Federstahldraht mit den gehärteten Linsen aus Polykarbonat ist so stabil wie eine teure Brille aus Titanflex. Zum Test lege ich die Brille auf meinen Stuhl und setzte mich darauf - sie hält. Die Linsen lassen sich mit einem einzigen Handgriff in den Rahmen einklicken. Werkzeug ist nicht erforderlich. Zwei farbige Glasperlen verleihen der Brille ein hübsches, individuelles Design (auch arme Menschen haben eine schöne Brille verdient). Und das Wichtigste: Die gesamten Materialkosten liegen bei ca. 0,80 US-Dollar. 

20.04.2010 In meiner Waschküche...
...(bei Gates war es die Garage) stelle ich in monatelanger Kleinarbeit die erste Handbiegemaschine für meine speziellen Brillen her. Sie ist noch etwas umständlich zu bedienen und nicht besonders präzise, aber die ersten Brillenrahmen lassen sich damit bereits biegen. Jetzt kann der Praxistest beginnen...

31.03.2012 Feuerprobe in Uganda
Es ist Nacht. Ich verlasse das Flughafengebäude in Entebbe/Uganda. Tropisch feuchte Luft schlägt mir entgegen. In zwei schweren Kisten transportiere ich drei meiner Biegemaschinen, einige Kilo Federstahldraht, Schrumpfschlauch und Perlen. Mir gehen verschiedene Fragen durch den Kopf: Was mache ich hier eigentlich? Interessiert sich hier überhaupt jemand für meine Brillen? Ist mein Konzept praxistauglich? Etwa 800 Menschen lagern am nächsten Morgen bereits vor dem Krankenhaus von Kasana. Fünf Trainees einer Partnerorganisation warten auf mich. Ihnen werde ich in den folgenden zwei Wochen zeigen, wie man die EinDollarBrillen mit meinen Maschinen herstellt. Zeitgleich versorgen wir bereits rund 500 Kinder, Erwachsene und alte Menschen mit Brillen. Nach zwei Wochen habe ich viel gelernt und ich weiß: Meine Idee funktioniert! 

28.10.2012 Ein Mann sieht das erste Mal in seinem Leben sein Dorf
Hilfe zur Selbsthilfe - Ein mobiler Fahrradoptiker fährt von Dorf zu Dorf. Die Menschen werden vor Ort getestet und erhalten im Anschluss die passende Brille. Foto: © Martin AufmuthIch bin zum zweiten Mal in Uganda. Insgesamt 14 Trainees arbeiten jetzt von früh bis spät an drei neuen Maschinen, die ich nochmals stark vereinfacht habe. Für die Herstellung einer Brille benötige ich jetzt nur noch zwölf Minuten. Nach zehn harten Trainingstagen bekommen die besten drei Absolventen des Trainings eine Biegemaschine überreicht. Sie arbeiten nun als selbstständige EinDollarBrillen-Optiker und haben bereits weitere Mitarbeiter ausgebildet. Als mobile Fahrradoptiker fahren sie von Dorf zu Dorf, im Gepäck eine Handvoll Rahmen und einen Kasten mit Linsen in Stärken von -6.0 bis +6.0 Dioptrien. Sie hängen eine Sehprobentafel an einen Baum und testen die Fehlsichtigen vor Ort durch Vorhalten der unterschiedlichen Linsen. Sind die richtigen Gläser gefunden, klickt sie der Optiker in den Federstahlrahmen ein und passt die neue Brille dem Patienten an. Eine Näherin ist überglücklich, dass sie nun den Faden wieder in die Nadel einfädeln kann. Ein sechzigjähriger Mann sieht das erste Mal in seinem Leben sein Dorf. "Behinderte" Kinder können plötzlich ganz normal am Unterricht teilnehmen.

02.02.2013 Eine Vision könnte wahr werden
Inzwischen melden sich fast täglich Organisationen aus den unterschiedlichsten Ländern, weil sie mein Konzept in ihre Arbeit integrieren möchten. In Deutschland biete ich regelmäßig Biegekurse an, immer auf der Suche nach Mitstreitern, die dann meine Maschinen in die Welt hinaustragen und dort EinDollarBrillen-Optiker ausbilden können. Maschinenbau-Unternehmen bieten an, kostenfrei Teile für die Biegemaschinen zu fertigen. Ein Anfang ist gemacht! Ich bin inzwischen zuversichtlich: Wenn sich noch viele, viele Unterstützer finden, können wir es schaffen, ein globales Problem zu lösen und 150 Millionen Menschen weltweit dauerhaft mit Brillen versorgen.

Wirtschaft | Mr Social und Mrs Business, 15.03.2013
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2013 - Städte von morgen erschienen.
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