Wer zahlt, der bleibt

Wie Unternehmen ihre Versorgung sichern

"Natur zum Nulltarif" geht nicht mehr lange gut. Unternehmen versuchen deshalb ihr "Naturkapital" sicherzustellen - z.B. mit freiwilligen Zahlungssystemen, den Payments for Ecosystem Services (PES).

Unbezahlbare Leistung: Kolibris sind für 80 Prozent der Bestäubung im südamerikanischen Urwald verantwortlich. Ohne sie könnte innerhalb einer Generation ganz Südamerika sterben. Immer mehr Unternehmen erkennen diesen Wert und finanzieren freiwillig Projekte, die solche "Ökosystemleistungen" erhalten und fördern.
Foto: © Steve Byland, istockphoto.com
Allein Insekten leisten laut der so genannten "TEEB-Studie" weltweit einen volkswirtschaftlichen Nutzen von 110 Milliarden Euro an Bestäubungsdiensten - pro Jahr. Viele unternehmerische Existenzen hängen direkt von sogenannten

Ökosystemleistungen ab, da sie z.B. sauberes Grundwasser, fruchtbare Böden oder naturnahe Landschaften nutzen. Offensichtlich ist dies bei der Holz- oder der Nahrungsmittelindustrie. Aber beispielsweise auch die Automobil-, die Textil-, die Kosmetikindustrie sowie die Tourismuswirtschaft benötigen "Naturkapital", um wirtschaften zu können.

Doch was keinen Wert hat, findet sich auch nicht in den Bilanzen. Deshalb haben Unternehmen und Umweltorganisationen spezielle Zahlungssysteme entwickelt: Payments for Ecosystem Services (PES). Die Zahlungen finanzieren bestimmte Landnutzungsformen, durch die eine entsprechende Ökosystemdienstleistung dauerhaft erhalten wird. Damit stellen Unternehmen benötigtes "Naturkapital" langfristig sicher. Ende 2012 veranstaltete das Bundesamt für Naturschutz (BfN) im Rahmen der Nachhaltigkeits?konferenz SusCon einen Expertenworkshop zur Frage, wie internatio?nal über freiwillige Zahlungen von Unternehmen mehr Biodiversi?tätsschutz verwirklicht werden kann. Projekt?beispiele aus der ganzen Welt zeigten, dass die Erhaltung von Ökosystemleistungen häufig auch einen Zusatznutzen für die biologische Vielfalt bringt.

Das Spektrum an PES-Projekten ist sehr breit und vielfältig. Im Kern bestehen diese darin, dass ein "Verkäufer" (z.B. eine Gruppe von Landwirten) eine eindeutig definierte Ökosystemleistung dauerhaft sicherstellt (z.B. Bodenschutz) und dafür vom "Käufer" (z.B. einem Unternehmen) Geld bekommt.


Erst Lieferkette verbessern, dann für Ökosysteme zahlen

Interessierte Unternehmen in Deutschland sollten in einem ersten Schritt prüfen, wo in ihren Lieferketten negative Auswirkungen auf die Ökosysteme oder die biologische Vielfalt zu verorten sind, um dann gezielt Maßnahmen zu ergreifen und so ihre Beschaffungssicherheit zu erhöhen. So unterstützt die Rewe AG bei der Beschaffung von Tafelobst aus der Bodenseeregion, dass Blühpflanzen zur Verbesserung des Nahrungsangebotes für Bienen angelegt werden. Die Bodensee-Stiftung tritt dabei als fachlich versierter Mittler zwischen der Rewe AG und den Obstbauern auf.

Da die Integration von Aspekten der biologischen Vielfalt ins Management für viele Unternehmen weiterhin eine große Herausforderung darstellt, starteten das Bundesumweltministerium, Wirtschafts- und Naturschutzverbände im Jahr 2013 das Projekt "Unternehmen Biologische Vielfalt 2020". Dieses wird langfristig den Austausch zwischen Verbänden aus Wirtschaft und Naturschutz unterstützen. Das Projekt soll außerdem die Entwicklung unternehmensrelevanter und praxisgerechter Lösungen für den Biodiversitätsschutz und somit den Schutz der Wirtschaftsgrundlagen von Unternehmen voranbringen.



Workshop-Beispiele

Dr. Danièle Perrot-Maître (UNEP, IUCN) erläuterte das 'Vittel water management project'. Die Landwirte in den Trinkwassereinzugsgebieten bekommen Ausgleichszahlungen dafür, dass sie die hohe Grundwasserqualität bei ihrer Bewirtschaftung erhält. Auf diesem Weg sichert Vittel die Wasserqualität, reduziert Trinkwasseraufbereitungskosten und macht das Abfüllgeschäft von Vittel langfristig profitabler. Das Projekt integriert heute auch Natur- und Artenschutz als Zusatznutzen.


Aus dem Bereich Touristik stellte Prof. Dr. Ines Carstensen, Futouris e.V., ein "Whale Watching Project" in Teneriffa vor. Eine lokale NGO erhält über den Futouris e.V. Zahlungen von zwei großen Tourismus-Gesellschaften für ein Wal-Schutzprogramm. Die zahlenden Unternehmen sichern so eine touristische Attraktion und damit ihr Kerngeschäft. Im geschilderten Fall haben Wettbewerber ihre Aktivitäten durch einen Verein gebündelt und können so für sich, aber auch für den Walschutz mehr Wirkung erzielen.


Alexa Morrison stellte die Plan Vivo Foundation vor, die PES-Projekte gemeinsam mit Gemeinden in Entwicklungsländern initiiert. Lokale Gemeinden erhalten aus dem Verkauf von Emissionszertifikaten (carbon credits) an Unternehmen über die Stiftung Geld, um Aufforstungen zu finanzieren. Die Unternehmen kompensieren auf diese Weise ihre unvermeidbaren Emissionen. Damit sichert das Projekt nicht nur die Artenvielfalt, sondern bindet auch Kohlenstoff und schafft vor allem Einkommensmöglichkeiten in marginalisierten Regionen.


Guilherme Zaniolo Karam, Fundação Grupo Boticário de Proteção à Natureza (Brasilien), stellte das OASIS Projekt vor. Landbesitzer in Trinkwassereinzugsgebieten erhalten durch die Stiftung Zahlungen für die Aufforstung und den Schutz von Wäldern auf ihren Ländereien und tragen so zum Schutz der städtischen Trinkwasservorkommen bei. Die Stiftung ist für das Fundraising bei Unternehmen und Stadtverwaltungen für die zielgerechte Investition der Gelder verantwortlich. Der Nutzen für die Unternehmen entsteht z.B. bei Wasserversorgern durch niedrigere Aufbereitungskosten für das Grundwasser, oder durch einen Imagegewinn als regionaler Arbeitgeber. Verwaltungen, die z. B. Einnahmen aus Bußgeldern hierfür einsetzen, verbessern oder sichern so die Trinkwasserversorgung ihres Verwaltungsbezirks. Natur- und Biodiversitätsschutz ist ein Zusatznutzen des OASIS Projekts.


Ein weiteres Zahlungssystem brachte Tobias Dierks von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in die Diskussion ein: Access and Benefit Sharing (ABS). Lokale Gemeinschaften (oder auch Staaten) erhalten Geld für die Sicherstellung der nachhaltigen Nutzung einer bestimmten genetischen Ressource (z.B. einer Wildsammlung). Das Geld wird vom Nutzer der Ressource (z.B. Pharma- oder Kosmetikunternehmen, die einen bestimmten Pflanzenwirkstoff für die Herstellung eines Produktes nutzen) gezahlt. Access bedeutet dabei, dass die Unternehmen Zugang zur genetischen Ressource erhalten, Benefit Sharing, dass sie für diesen Zugang einen finanziellen Beitrag zur Erhaltung der Ressource leisten. Prinzipiell definiert der ABS-Mechanismus einen durch den Staat (oder auch indigene Gemeinschaften) kontrollierten Zugang zu genetischen Ressourcen und wurde im Rahmen der "Konvention zur Erhaltung der biologischen Vielfalt" entwickelt.
 
 
Von Udo Censkowsky
 


Im Profil

Udo Censkowsky ist Mitbegründer der Organic Services GmbH sowie Mitveranstalter der Nachhaltigkeitskonferenz SusCon. Biodiversitätsschutz in Wertschöpfungsketten berücksichtigen, macht ihm nicht nur Freude, sondern gehört immer wieder zu seinen handelsbezogenen Beratungsprojekten.
u.censkowsky@organic-services.com
Quelle: Futouris - Tourismus. Gemeinsam. Zukunftsfähig

Umwelt | Umweltschutz, 14.01.2014

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