"Big Oil" attackiert Europas Delphine

Delphine, Wale und andere Meerestiere europäischer Gewässer im Visier der Brüsseler Ölindustrie-Lobbyisten

Brüssel/Wädenswil - Im Vorfeld der Abstimmung im Europaparlament über eine Änderung der Richtlinie über Umweltverträglichkeitsprüfungen, (UVP) - 2012/0297(COD), Berichterstatter Zanoni - startete die International Association of Oil & Gas Producers (OGP) eine Lobbyattacke auf Europaabgeordnete. Ihr Ziel ist es, eine wesentliche Verbesserung für die Meeresfauna in der Richtlinie zu verwässern.

Alle Meerestiere in europäischen Gewässern wie etwa Delfine werden durch neue Interessen der Ölindustrie stark bedroht.
Foto by Pixabay.com
Der Umweltausschuss des Parlaments schlägt vor, die Suche nach mineralischen Rohstoffen - "research and exploration of minerals" - in die Liste der UVP-pflichtigen Vorhaben aufzunehmen. Dazu zählt auch die seismische Exploration unterseeischer Öl- und Gasvorkommen, bei der Druckluftkanonen, so genannte "Airguns", eingesetzt werden. Diese Airguns erzeugen über mehrere Wochen alle ca. 10 Sekunden eine Explosion mit einer Schallintensität von bis zu 260 dB. Zum Vergleich: Die Lautstärke eines Flugzeugs im Tiefflug beträgt 165 dB, jene eines Raketenstarts 205 dB. Für Meereslebewesen, insbesondere Meeressäugetiere, aber auch - kommerziell genutzte - Fischbestände, stellt dies eine erhebliche Bedrohung dar. Der intensive Lärm kann die Tiere vertreiben oder verletzen, bis hin zum Tod, wie zahlreiche überprüfte wissenschaftliche Studien zeigten.

Naturschutzorganisationen begrüßten den Vorschlag des Umweltausschusses. Sie verweisen dabei auch auf kürzlich in europäischen Gewässern gestartete seismische Explorationen: Anfang September begannen großflächige seismische Untersuchungen in der Adria vor Kroatien; schon einige Monate vorher waren griechische Gewässer Gegenstand derartiger Explorationen. "Diese Aktivitäten sind der Beginn eines neuen Ansturms auf die Öl- und Gasvorkommen in europäischen Gewässern", sagt Sigrid Lüber, Präsidentin von OceanCare und Koordinatorin von "Silent Oceans", einer Koalition aus 16 NGOs. "Es ist daher an der Zeit, die Umweltgesetzgebung auf diese seismische Lärmverschmutzung auszuweiten."

Die Naturschutz-NGOs weisen das Argument der OGP-Pressemitteilung vom 2.9.2013 zurück, der Vorschlag "würde die Bemühungen um eine Entwicklung der lokalen Gasmöglichkeiten untergraben", und machen auf eine jüngst in den USA erzielte gerichtliche Einigung aufmerksam. Die Ölindustrie hat hier strengen Rahmenbedingungen für ihre geplanten seismischen Aktivitäten im Golf von Mexiko zugestimmt.

"Was die Industrie in den USA akzeptieren kann, dem kann sie auch in Europa zustimmen", so Michael Jasny, Geschäftsführer des Marine Mammal Protection Project im Natural Resources Defense Council (NRDC). "Wir wollen nicht darauf warten, bis eine Ölkatastrophe wie jene der Deepwater Horizon in Europa passiert. Daher müssen jetzt bessere Umweltstandards etabliert werden."

Die Naturschützer beziehen sich auch auf Entscheidungen verschiedener internationaler Abkommen - darunter die Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder Tierarten, die Biodiversitätskonvention und das Übereinkommen zum Schutz der Wale des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres, ACCOBAMS - wonach die umweltverträglichsten Verfahren und die besten verfügbaren Technologien einzusetzen sind. Beide Aspekte wurden bei den aktuellen Projekten in Griechenland und Kroatien nicht berücksichtigt. Die internationalen Abkommen, denen auch die EU-Mitgliedstaaten inklusive Kroatien und Griechenland beigetreten sind, fordern insbesondere auch Maßnahmen zum Schutz der Meereslebewesen vor intensivem Unterwasserlärm. Dieses Ziel findet sich ebenfalls in der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie der EU, die von den Mitgliedstaaten verlangt, einen guten Umwelt-Zustand zu erreichen.

"Wir sind äußerst besorgt über die Auswirkungen der Lärmverschmutzung durch die seismischen Untersuchungen auf Schnabelwale, Pottwale und Delfine wie der Große Tümmler. Aber auch der Küstentourismus und die lokale Fischerei könnten von den negativen Auswirkungen dieser Explorationen betroffen sein", sagt Sigrid Lüber.

Die Naturschutz-NGOs rufen daher die Plenarversammlung des Europäischen Parlaments dazu auf, dem Vorschlag des Umweltausschusses zuzustimmen.

Informativer Video über Ursachen und Folgen von Unterwasserlärm: http://vimeo.com/67803148

Jetzt Protestieren!
Vor Kroatiens Küste setzen Ölfirmen Druckluftkanonen ein, um Erdöl und Erdgas zu suchen. Der extreme Lärm bringt Wale und Delphine in Lebensgefahr. Protest-Mails an die kroatische Regierung können geschickt werden unter: www.silentoceans.org

Über OceanCare
Seit 1989 setzt sich OceanCare weltweit für die Meeressäuger und Ozeane ein. Mit Forschungs- und Schutzprojekten, Umweltbildungskampagnen sowie intensivem Einsatz in internationalen Gremien unternimmt die Organisation konkrete Schritte zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Weltmeeren. Seit 2004 ist OceanCare Partnerorganisation des Abkommens der Mittelmeer-Anrainerstaaten zum Schutz der Wale und Delphine (ACCOBAMS). Im Juli 2011 erhielt die Organisation von den Vereinten Nationen den UN-Sonderberaterstatus zugesprochen. Unter Federführung von OceanCare startete 2013 die weltweite Online-Kampagne "Silent Oceans" zum Schutz der Meerestiere vor Unterwasserlärm.
www.oceancare.org / www.silentoceans.org

Über NRDC
NRDC ist eine grosse amerikanische Naturschutzorganisation, deren Wissenschafter, Juristen und Umweltexperten sich dem Schutz der Volksgesundheit und der Umwelt verschrieben haben. Gegründet wurde die Organisation 1970 und hat heute 1,3 Millionen Mitglieder und Netzaktivisten, die auf nationaler und internationale Ebene u.a. an Themen wie Energie, Schutz wilder Tiere und dem Schutz der Ozeane arbeiten. Seit zwei Jahrzehnten bemüht sich der NDRC auch an forderster Front in internationalen Foren wie der International Maritime Organization und der Bonner Konvention zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten um eine Reduktion der Lärmbelsastung in den Ozanen. www.nrdc.org

Quelle: OceanCare, Sigrid Lüber
Umwelt | Umweltschutz, 27.09.2013

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