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Weniger Mais, mehr Moore!

Zielkonflikt Erneuerbare Energie und Naturschutz

forum-Autor Ingo Leipner im Gespräch mit dem renommierten Naturschützer Michael Succow

Die Energiewende hat Schattenseiten, zum Beispiel Mais-Monokulturen, um Biomasse zur Stromproduktion zu gewinnen. Wie lässt sich dieser Zielkonflikt zwischen Naturschutz und Erneuerbarer Energie lösen?

Niedermoore sind in nasser Bewirtschaftung
hochproduktive Standorte
Foto: © Fotobox, pixelio.de
Der Mais ist eine Kultur, die es früher in Mitteleuropa nicht gab. Sie hält keinen Frost aus, kann erst im Mai gesät werden. Geerntet wird im Spätherbst, das bedeutet: Die Hälfte des Jahres liegt ein Maisacker offen. Auf diesen offenen, umgebrochenen Äckern kommt es zu Bodenerosion und Humusschwund, was bei herkömmlicher Winterkultur (Getreide, Raps) nicht geschieht, die Vegetationsdecke schützt den Boden.

Hinzu kommt: In einem gesunden Acker leben Regenwürmer, die den Boden durchlöchern. So kann der Regen versickern und Grundwasser bilden. Aber unsere Äcker sind durch die schweren Maschinen stark bodenverdichtet und mit Mineraldüngern und Pestiziden belastet, da leben nur wenige oder überhaupt keine Regenwürmer mehr. Das Ergebnis: Der Niederschlag fließt, Bodenerosion verursachend, oberflächlich ab, Grundwasser wird kaum noch gebildet. Dauerhafter Maisanbau vernichtet die natürliche Bodenfruchtbarkeit!

Welche Konsequenzen müssen wir für die Stromproduktion aus Biomasse ziehen? Keine Maisfelder mehr anlegen?

Die Politik muss die Rahmenbedingungen verändern: Der Staat fördert aktuell den Maisanbau mit 500 Euro je Hektar, für extensives Grünland erhält ein Bauer nur 100 Euro je Hektar. Da ist klar, wie die Entscheidung fällt - auch wenn das Grünland für Tiere und Pflanzen einen besonderen Lebensraum darstellt, Humus anreichert und zur Bildung von Grundwasser beiträgt. Doch die Landwirte wandeln zunehmend Grünland in Maiskulturen um - in Niedersachsen sind es jährlich 60.000 Hektar - mit allen negativen Konsequenzen. In Mecklenburg-Vorpommern stehen aktuell 16 Prozent im Dauermaisanbau, das sind 155.000 Hektar meist hochwertiger Ackerböden. Das führt zu ökologisch und sozial verödeten Räumen, denn bei einer an Groß- und Gentechnik orientierten Wirtschaftsweise werden kaum noch Menschen gebraucht. Eine subventionierte Unvernunft! Eigentlich sind diese guten Standorte nötig, um gesunde Nahrungsmittel zu produzieren, in Zukunft sogar noch mehr als heute. Es gilt also im ländlichen Raum wieder Arbeitsplätze zu schaffen, etwa durch eine ökologische Produktion. Dazu zählen auch Biogas-Anlagen, die nicht mit Mais, sondern mit organischen Reststoffen betrieben werden. Zum Beispiel mit Speiseabfällen, anfallendem Grüngut aus unseren Gärten, Vegetation auf Brachflächen... Diese Ressourcen werden bislang kaum genutzt, ließen sich aber in Energie umwandeln.

An der Universität in Greifswald arbeiten Wissenschaftler an einer weiteren, interessanten Alternative, der sogenannten "Paludikultur". Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Dieses spannende Forschungsfeld ist am "Institut für Botanik und Landschaftsökologie" entstanden. "Paludus" lässt sich mit Sumpf oder Moor übersetzen. In Deutschland gibt es etwa zwei Millionen Hektar Moorflächen, die zu 98 Prozent entwässert sind. Sie vertrocknen, mineralisieren und geben den gespeicherten Kohlenstoff als CO2 an die Atmosphäre ab, was das Klima belastet.

Unsere Paludikultur ist eine Alternative zum Energiemais-Anbau: Heimische Moorpflanzen wie Röhrichte und Großseggenried liefern bis zu 20 Tonnen Trockenmasse pro Hektar und Jahr. Diese Biomasse lässt sich im Winter ernten, und zwar mit einer speziellen Technik: Zum Einsatz kommen umgebaute Pistenbullys aus Österreich, die mit breiten Ketten im wiedervernässten Moor die Biomasse schadlos ernten.

Welche Vorteile hat die Paludikultur?

Vier Effekte lassen sich beobachten: Niedermoore sind in nasser Bewirtschaftung hochproduktive Standorte, ich kann mit ihrer oberirdischen Biomasse all das machen, was auch mit Mais oder Holz möglich ist. Zweitens: Diese Standorte sind ständig mit Wasser gesättigt, dauernd findet eine unterirdische Speicherung von Torf statt, da Seggen und Schilf-Rhizome sich in Torf verwandeln. So entsteht eine CO2-Senke, während ich die oberirdische Biomasse abschöpfe. Drittens sind es Standorte mit Wasserüberschuss, die in hohem Maße verdunsten und damit die Landschaft kühlen. Viertens: Wiedervernässte Moore stellen Lebensräume dar, in denen zum Beispiel zahlreiche Vogelarten nisten und Nahrung finden, Arten die in Deutschland oft schon verschwunden sind.

Nasse Bewirtschaftung ist eine Wirtschaftsweise, die wir in Mecklenburg-Vorpommern gerade ausprobieren. Sie kann auf 40.000 Hektar entwässerter, degradierter Moore angewendet werden. In Weißrussland werden gegenwärtig im Rahmen der internationalen Klimaschutzinitiative ca. 70.000 Hektar degradierter, vernutzter Niedermoore durch "Wiedervernässung" in eine nachhaltige, ökologisch vernünftige Bewirtschaftung geführt. Das geschieht u. a. mit Hilfe meiner Stiftung, finanziert durch das Bundesumweltministerium. In der Ukraine hat gerade ein ähnliches Projekt begonnen, in Russland ist man ebenfalls stark an dieser Arbeit interessiert. Auch dort wurden die Moore in ganzen Landstrichen sehr tief entwässert, wodurch es in den zunehmend heißer werdenden Sommern zu großen Moorbränden kommt. Dabei werden gewaltige Mengen an CO2 freigesetzt.

Trostlos? Mais lässt sich zwar zu regenerativem Treibstoff verarbeiten, die Monokulturen verarmen jedoch Boden und Biodiversität. Alternativen wie die Paludikultur, bei der Energie aus heimischen Moorpflanzen gewonnen wird, stehen vor dem Durchbruch.
Foto: © Philipp Ledenyi
Ein weiteres Beispiel für den Zielkonflikt mit dem Naturschutz ist die Windenergie, bei der Kritiker eine "Verspargelung" der Landschaft fürchten. Was sagen Sie dazu?

Wir können nicht auf die Windenergie verzichten. Windräder lassen sich schnell aufstellen, und genauso schnell wieder abbauen, was ich sehr wichtig finde. Sicher, viele Menschen stören sich an Windanlagen. In ihrer geliebten Landschaft soll ein Kirchturm die höchste Erhebung bleiben. Daher muss es einen Konsens geben, große Ruhelandschaften zu sichern, zum Beispiel alle Landschafts- und Vogelschutzgebiete. Denn zwei Prozent der Fläche Deutschlands reichen völlig aus, um Windanlagen an Land zu bauen. Bitte aber konzentriert entlang der Autobahnen, neben Eisenbahnstrecken, an Industriestandorten.

Deutsche Ingenieure machen das gerade in China vor: Sie überdachen Autobahnen mit Solaranlagen, und parallel zu ihnen errichten sie Windräder. So lässt sich Energie gewinnen, zukünftig sehr billig auch für Elektroautos, da sich die Windräder auch in der Nacht drehen. Windenergieanlagen sollten aber nicht in historisch gewachsenen Kulturlandschaften entstehen, die wir für Ruhe und Erholung brauchen und in denen ökologisch produziert wird.

Sind Wälder für die Windenergie tabu?

Nicht generell, es gibt Ausnahmen: Wir sollten unsere naturnahen Laubwälder richtig alt werden lassen, um zum Beispiel eine dicke Humusdecke aufzubauen und vielfältige ökologische Funktionen zu erfüllen. Statt diese Wälder zur Produktion von Biomasse zu nutzen, wäre es sinnvoll, zu diesem Zwecke Kurzumtriebsplantagen einzurichten. Über diesen Plantagen lassen sich auch Windräder aufstellen, aber nicht in intakten und gesunden Landschaften.

Ist Offshore-Windenergie eine Alternative - also gewaltige Windräder, die in der Nord- oder Ostsee stehen?

Die wichtigsten Windenergie-Gebiete liegen offshore vor der Küste - mit enormen Leistungen. So wird Mecklenburg-Vorpommern in zehn bis 15 Jahren seine Energie fast vollständig aus der Windenergie schöpfen können. Dabei handelt es sich um Anlagen, die relativ wenig stören. Zum Beispiel dürfen Fischer in diesen großen Windparks keine Netze auswerfen - die Fische haben ihren Frieden.

Die Offshore-Windkraft erfordert es, tausende Kilometer an Leitungen zu bauen. Wie lassen sich diese Stromtrassen planen, ohne den Naturschutz zu ignorieren?

Oberstes Gebot muss sein, Energie dezentral zu erzeugen, und zwar so viel wie gebraucht wird. Jede Stadt sollte zur Stromproduktion die ohnehin anfallende Biomasse nutzen. Die Solarstromerzeugung steht erst am Anfang. Ein zweiter Aspekt: Stromtrassen lassen sich auch unterirdisch verlegen, wobei Niedersachsen ein Vorbild ist. Dort kommen die Stromleitungen im Nahbereich der großen Städte und in allen Schutzgebieten unter die Erde. Das ist zwar teurer, aber sicher notwendig im dicht besiedelten Mitteleuropa.

Generell gilt: Wir alle können und müssen als Verbraucher entschieden mehr Strom sparen. Das führt zwangsläufig zu mehr Landschafts- und Naturschutz. Wir müssen, um unserer eigenen Zukunft willen, die Funktionstüchtigkeit des Naturhaushalts erhalten, denn unsere Zivilisation ist abhängig von einem ausgeglichenen Naturhaushalt. Leider verändern wir seit 200 Jahren mit unserer auf fossile Energieträger ausgerichteten Wirtschaftsweise die globalen Rahmenbedingungen, den globalen Stoffkreislauf. Der anthropogen gestörte Kohlenstoffhaushalt wird zu unserer Schicksalsfrage - wir müssen umsteuern!
Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Umwelt | Biodiversität, 17.04.2012

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