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"Anwalt des Wassers"

Die Hansgrohe AG sieht sich in der Verantwortung für dieses Lebenselement

CSR sollte sich nicht in Charity und Spendenwesen erschöpfen, sondern aktiv an die Unternehmenstätigkeit angelehnt und strategisch in das Innovationsmanagement und die Geschäftsprozesse integriert sein. Die Hansgrohe AG, traditionell verbunden mit der Thematik Wasser, sieht sich deshalb in der Verantwortung für dieses Lebenselement - und handelt entsprechend. forum zeigt an diesem Beispiel die Vielfalt der unternehmerischen Handlungsmöglichkeiten rund um ein gegebenes Thema.


Foto: © Hansgrohe
Ohne Wasser läuft nichts bei Hansgrohe. Seien es Waschtisch- oder Duscharmaturen, Einhandmischer oder Wellnessbrausen - das Betriebsmittel ist stets Wasser, und immer steht das angenehme, bewusste und qualitätsvolle Wassererleben im Mittelpunkt. Das 1901 gegründete, rund um den Globus aktive Unternehmen aus dem Schwarzwald ist dem Urelement aber auch auf anderer Ebene verbunden. Wenn man dem Wasser so viel zu verdanken hat, so sagt man dort, sei es nur angemessen, auch für einen behutsamen und nachhaltigen Umgang damit einzustehen.

Verantwortung bei der Produktentwicklung

Dieses Engagement für Nachhaltigkeit drückt sich zuerst in der Produktpalette aus: Hier finden sich Waschtischarmaturen und Brausen mit stark vermindertem Wasserdurchfluss - bei unverändertem Komfort und Wohlgefühl. Um solche wasserschonenden Produkte anbieten zu können, werden im firmeneigenen Strahllabor in Schiltach seit Jahren die Grundlagen der Tropfen- und Strahlbildung erforscht und kontinuierlich verbesserte Duschköpfe und Durchflussregler entwickelt. Durch die aktuellen EcoSmart Brausen fließt bis zu 60 Prozent weniger Wasser als bei herkömmlichen Produkten. Entsprechend weniger Energie für warmes Wasser wird benötigt. Vom europäischen Wassereffizienz-Label (WELL) wurden sie mit der Bestnote A bewertet.

Recycling von Wasser und Energie

Noch stärker lassen sich die Wasservorkommen schonen und Energie sparen, wenn man gebrauchtes, wenig verschmutztes Wasser etwa aus Badewanne und Dusche - so genanntes Grauwasser - wiederverwendet. Um diesem Ziel näher zu kommen, haben sich die Schwarzwälder Ingenieure bereits seit den 1990er-Jahren mit der Entwicklung von Wasserrecyclingsystemen beschäftigt. Die dabei entwickelte Pontos AquaCycle-Technologie bereitet Grauwasser so auf, dass es zur Toilettenspülung und Gartenbewässerung eingesetzt werden kann. Gleichzeitig entzieht es in der HeatCycle-Variante dem warmen Brauchwasser über einen Wärmeaustauscher die Restwärme und stellt sie für die Bereitung frischen Warmwassers zur Verfügung. Dieses vollautomatische Gerät ist überall dort sinnvoll, wo viel geduscht und gebadet wird - in Mehrfamilienhäusern, in Hotels und Wohnheimen, in Fitnesscentern und Sporthallen. Mit den Pontos Aqua- und HeatCycle-Technologien will man weltweit zu einem nachhaltigen Umgang mit Wasser und Energie anregen. Aus Sicht der engagierten Innovatoren eine der großen Herausforderungen unserer Epoche.

Nachhaltigkeit im Produktionsprozess

Verantwortung übernimmt das Unternehmen auch für die Materialien, aus denen seine Produkte gefertigt werden. Beispiel Brauseschläuche: Diese sind üblicherweise aus mehreren Schichten PVC aufgebaut, einem Innenschlauch mit Nylongeflecht, einem mit Metallfolie umgebenen Mittelschlauch und einem schützenden Überzugsschlauch. Da PVC vor allem wegen der darin enthaltenen Phthalate, hormonähnlich wirkenden Weichmachern, einen schlechten Ruf hat und im Verdacht steht, für Unfruchtbarkeit von Männern verantwortlich zu sein, machten sich die Chemiker des Schiltacher Bad- und Sanitärspezialisten auf die Suche nach einem Ersatz für die bedenklichen Weichmacher. Als beste Lösung erwies sich schließlich das Cyclohexanderivat DINCH, das PVC ebenfalls flexibel macht, aber als gesundheitlich unbedenklich klassifiziert ist und auch für Medizinprodukte und Lebensmittelverpackungen verwendet wird. Seit Anfang 2011 produziert die Hansgrohe AG als Vorreiter der Sanitärbranche ausschließlich phthalatfreie Brauseschläuche.

Qualität in Handarbeit: Produktionsmitarbeiter schleifen und polieren die Oberflächen der wassersparenden Armaturen.
Foto: © Hansgrohe, Braxart
Wasser mehrfach nutzen - auch in der Produktion

Die meisten Fertigungsprozesse in der herstellenden Industrie sind auf große Mengen Wasser angewiesen, sei es als Reaktionsmedium für chemische Umwandlungen, sei es als Kühl-, als Reinigungs- oder als Spülmittel. Der "Water-Footprint" vieler Produkte weist deshalb alarmierende Werte auf (siehe hierzu forum 4 / 2010).

In den Werkshallen des "Global Players aus dem Schwarzwald" wird das meiste Wasser bei der Chrombeschichtung von Werkteilen aus Kunststoff benötigt. Beim Verchromen einer Raindance Handbrause werden zum Beispiel 49 Bäder durchlaufen. 14 davon sind so genannte Prozessbäder, hier wird die Oberfläche des Kunststoffs erst chemisch vorbereitet und dann galvanisch mit mehreren Metallschichten überzogen. Um eine Verschleppung von Chemikalien von einem Bad ins nächste auszuschließen, müssen die Chemikalienrückstände nach jedem Prozessbad gründlich von den Werkstücken abgespült werden. Hierfür ist der Löwenanteil des in der Fertigung eingesetzten Wassers nötig - insgesamt sind es 35 Spülvorgänge.

Dass für die Verchromung dieser Handbrause unterm Strich trotzdem nur drei Liter Wasser verbraucht werden, liegt an ausgeklügelten Recyclingverfahren für das Spülwasser. Durch Filtersysteme und Ionenaustauscher wird es so weit gereinigt, dass es mehrfach eingesetzt werden kann. Dadurch lassen sich 60 Prozent Frischwasser einsparen. Erst wenn das Spülwasser so stark belastet ist, dass es sich nicht mehr sinnvoll wiederverwenden lässt, wird es zu Abwasser.

Herausforderung Produktionsabwasser

Bevor das Abwasser aus der Galvanisierung in die kommunale Kläranlage und weiter in den benachbarten Fluss Kinzig gelangt, durchläuft es zahlreiche Reinigungsprozesse im Werk - wobei vor allem Metallrückstände entfernt werden. Dabei bereiten auch die in der Galvanik unentbehrlichen fluorhaltigen Netzmittel (PFTs) erhebliche Probleme, da sie von der kommunalen Kläranlage nicht ausgefiltert werden und in erheblichen Mengen in die Gewässer gelangen. Sie können sich, wie man inzwischen weiß, in der Umwelt und in menschlichem Gewebe anreichern und haben toxische Eigenschaften. Um eine Freisetzung dieser höchst bedenklichen Chemikalien in die Natur zu verhindern, haben die Chemiker des Armaturen- und Brausenherstellers - unterstützt durch Fördermittel des baden-württembergischen Umweltministeriums - ein neuartiges Filtrationsverfahren speziell für PFTs entwickelt. Die Anlage entfernt die unerwünschten Rückstände der Galvanik-Netzmittel zu über 90 Prozent aus dem Abwasser.

Doch auch das neue Verfahren kann die Netzmittel nicht vollständig dem Abwasser entziehen. Daher arbeiten die Chemiker mit Hochdruck an noch besseren Verfahren. Sie konzentrieren sich auf elektrochemische Prozesse, durch die die hartnäckigen fluorierten Chemikalien mit Hilfe von Strom zerlegt werden. Um den Verbleib der Netzmittel im Abwasser leichter verfolgen zu können, entwickelte die Forschungsabteilung außerdem ein neues photometrisches Messverfahren für PFTs, das innerhalb weniger Minuten Konzentrationswerte liefert und gegenüber bisherigen Messverfahren deutlich günstiger und schneller ist. Damit auch andere Galvanikbetriebe diese Erkenntnisse nutzen können, stellte sie die Hansgrohe AG branchenübergreifend zur Verfügung. Gerade hier liegt ein wichtiges Aktionsfeld einer engagierten Corporate Responsibility: Kooperations- statt Konkurrenzdenken. Wenn es darum geht, innerhalb einer Industrie Probleme zu lösen, ist eine konstruktive Zusammenarbeit gefragt. Denn letztendlich dient diese den Beteiligten, dem gesellschaftlichen Fortschritt und damit allen Anspruchsgruppen.

Für die umweltfreundliche Filtertechnik für Abwässer aus der Galvanik erhielt Hansgrohe 2011 den UMSICHT-Wissenschaftspreis 2011 des Fraunhofer Institutes.
Foto: © Hansgrohe, Braxart
Ein Forum für Wasserbewusstsein

Wasser ist von hoher Bedeutung für die Menschheit. In diesem Bewusstsein veranstaltet das vor 111 Jahren in Schiltach gegründete Unternehmen Jahr für Jahr an seinem Stammsitz das Hansgrohe Wassersymposium - und verschafft damit dem Wasser eine ganz von der unternehmerischen Tätigkeit unabhängige Aufmerksamkeit. Renommierte Wissenschaftler, Künstler und Politiker aus aller Welt referieren hier über die unterschiedlichsten Aspekte des Umgangs mit Wasser. Ergänzt werden die Vorträge durch Workshops sowie musikalische und künstlerische Performances: Vom ökologischen Flussbau über Fragen der globalen Wasserversorgung und -verteilung bis zur Meditation am und mit Wasser reicht die Bandbreite der Themen. "Nur in dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem Wasser kann ein neues Verständnis für die Wichtigkeit dieses Lebenselixiers entstehen", sind sich Hansgrohe-Chef Siegfried Gänßlen und Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Grohe einig. "Dies ist nötig, damit wir dem Wasser den Respekt entgegenbringen, den das Wasser braucht. Es ist uns dabei sehr wichtig, nicht in Problembetrachtung zu verharren, sondern mögliche Lösungsansätze in den Fokus zu rücken und gemeinsam zu diskutieren."

Von der Wertschätzung des Unternehmens für das Wasser zeugt schließlich auch das Hauptgebäude des Armaturenherstellers in Schiltach: In der "Hansgrohe Aquademie" vermitteln wechselnde Ausstellungen und Installationen Besuchergruppen und Schulklassen Einblicke in die Bedeutung und Gefährdung des Lebenselixiers; die Besucher können historische Badezimmer und Klempnerwerkstätten entdecken, sich in den Bann von Designstudien zukünftiger Wassertechnik ziehen lassen und in einer umfangreichen Wasserbibliothek stöbern. Verantwortung für das Wasser, das lässt sich spüren, ist hier keine Pflichtübung, sondern mit großer Leidenschaft gelebtes Engagement. Eine überzeugende thematische Verknüpfung aus gesellschaftlichem Engagement und unternehmerischer Verantwortung, die weit über den Charity-Gedanken hinausgeht.
 
 
Von Fritz Lietsch

Zum Weitersurfen

www.hansgrohe.de
www.hansgrohe.de/wassersymposium
Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Wirtschaft | CSR & Strategie, 16.04.2012

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