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Interview mit David de Rothschild

"Wir können aus der Rettung unseres Planeten ein Abenteuer machen!"

Öl verbrennen, um voranzukommen? Viel zu schade. Plastik einfach wegschmeißen? Auch! David de Rothschild macht mit seinem Plastikflaschenschiff Plastiki im Pazifik auf ökologische Probleme aufmerksam. Ein Interview mit dem Zukunftsmacher.

Von Dennis Lotter und Jerome Braun

Bestehend aus 12.500 PET-Flasche, Energiebetrieben mit Wind- und Solarenergie, zusammengeklebt mit einem Mix aus Cashewnüssen und Zucker: Der Katamaran Plastiki fuhr 2010 eine Expedition durch den Pazifik, um auf den dortigen riesigen Müllstrudel und die Belastung der Ozeane mit Plastikmüll aufmerksam zu machen.
Foto © Patrik Riviere
Herr de Rothschild, von März bis Juli 2010 haben Sie und Ihre fünfköpfige Crew die Expedition "Plastiki" unternommen. Sie überquerten den Pazifik mit einem Katamaran aus 12.500 Plastikflaschen. Was hat Sie dazu inspiriert, ein so außergewöhnliches Projekt in Angriff zu nehmen?

Im Juni 2006 las ich einen Report der UNEP ("United Nations Environment Programme") zum ökologischen Handlungsbedarf in der Tiefsee, der mich bezüglich der fundamentalen Themen unserer Ozeane alarmierte. Nach weiteren Nachforschungen hatte ich das Bedürfnis, etwas zu unternehmen. Ich wollte ein spannendes und wegweisendes Abenteuer schaffen, dass nicht nur informativ ist, sondern auch ein globales Publikum fesselt und die Menschen dazu motiviert und befähigt, selbst verantwortungsvoller gegenüber unserem Planeten zu handeln.

Das Plastiki Projekt will auf die ökologischen Probleme unserer Zeit aufmerksam machen und der Natur eine Stimme geben. Können Sie uns mehr über die Philosophie hinter der Expedition berichten?

Unsere Mission ist es, Menschen mit unseren Geschichten zu fesseln und zum Nachdenken anzuregen. Mit unseren Abenteuern wollen wir einzelne Menschen, Gruppen, ganze Organisationen und Industrien motivieren und letztendlich auch zum Handeln bewegen. Wir nehmen uns eines Themas an und kreieren eine Geschichte daraus, vornehmlich durch Forschungsreisen und Erkundungstouren.

Mit der Plastiki Expedition wollten wir vor allem die Thematik der durch Plastikabfälle verschmutzten Ozeane hervorheben und zeigen, dass Abfall als sinnvolle Ressource genutzt werden kann. Also nahmen wir uns ein Sinnbild des angeblich so nutzlosen Plastiks - die klassische Wegwerf-Wasserflasche - und machten sie uns zunutze. 68 Prozent der Schwimmfähigkeit der Plastiki wird über die Plastikflaschen erzielt. Ohne die Flaschen würde die Plastiki sinken.

Der Abenteurer auf seinem Katamaran
Foto: © Luca Babini
Viele Umweltschützer verteufeln Plastik generell. Was halten Sie von dieser Einstellung?

Ich denke, wir müssen die Thematik differenzierter betrachten. Wir müssen unsere Wegwerfmentalität von Dingen des täglichen Lebens - Flaschen, Taschen, Plastikrasierer, Wegwerffeuerzeugen oder Kugelschreibern - überdenken und stattdessen clevere Lösungen entwickeln.

Plastik ist in unserer Gesellschaft allgegenwärtig - in allem, was wir konsumieren, vom Laptop, den ich benutze bis hin zur lebensrettenden Maschine im Krankenhaus. Diese Dinge haben einen Platz in unserer Gesellschaft und wir müssen sie neu konzipieren, so dass sie zu einem geschlossenen Kreislauf werden; nach dem Motto "Cradle to Cradle", also von der Wiege zurück zur Wiege anstatt von der Wiege bis zur Bahre. Ein Beispiel hierfür ist die Konstruktion des Bootes, das wir aus einem Material namens Seretex hergestellt haben. Das ist ein selbstverstärkendes Gewebe und besteht nur aus einer Substanz, wodurch es leicht zu recyceln ist. Anders als gemischte Plastikmaterialien, die oftmals nicht recycelbar und giftig sind.

Wann haben Sie begonnen, sich intensiv mit ökologischen Themen auseinanderzusetzen?

Das Ausmaß und die Auswirkung der Plastikverschmutzung im Speziellen wurden mir erstmals richtig bewusst, als ich 2006 den bereits erwähnten Bericht der UNEP las. Davor war ich in erster Linie vom Thema "Gesundheit" fasziniert und der Idee "du bist, was du isst und was du atmest". Je stärker ich mich in diesem Zusammenhang mit dem Thema Bio-Anbau beschäftigte, desto mehr wurde natürlich auch meine Neugierde für unsere Umwelt als Ganzes geweckt. Aber mir missfiel der häufig aggressive und schuldzuweisende Ton der Informationen, die ich vorfand. Sie waren spannend, aber man wusste nicht so recht, was man damit anfangen sollte und fühlte sich angesichts all dieser Probleme in unserer Umwelt eher niedergeschlagen und schuldig, als dazu aufgefordert, aktiv etwas dagegen zu unternehmen.

Die Crew ist am Ziel in Syndey
Foto: © Patrick Rivieri
Und dann hatten Sie die Idee, einen ganz anderen Weg zu gehen, um Menschen aufzuklären und zum Handeln zu bewegen?

Ja, während einer Expedition durch die Antarktis 2004 dämmerte es mir, wie Abenteuer als Alternative genutzt werden können, um eine leicht zugängliche Informationsplattform über Umweltbelange zu schaffen und als Katalysator für Veränderungen zu wirken. Wenn wir Abenteuer unternehmen und Geschichten erzählen, statt die Erlebnisse und Erfahrungen in Vergessenheit geraten zu lassen, erzeugen unsere Reisen Resonanz und bauen eine Gemeinschaft um sich herum auf.

Es war ein Prozess, der aus dem Gefühl heraus entstand, dass es bisher auf dem Markt noch zu wenig Informationen gibt, die inspirierend, herausfordernd und informativ sind, die Menschen aber auch direkt mit einbeziehen und dabei Spaß machen.

Ich denke, die "grüne" Thematik war für lange Zeit ein sehr erdrückendes Konzept und ich wollte es aus dieser Ecke rausholen, um eine neue Gemeinschaft zu fesseln, zu engagieren und anzuregen, sich einzubringen und konstruktiv für unseren Planeten aktiv zu werden. Wir können aus der Rettung unseres Planeten ein Abenteuer machen!

Was kann jeder Einzelne in seinem täglichen Leben tun, um einen positiven Einfluss auf die Entwicklung unserer Umwelt zu nehmen?

Es ist wirklich ganz einfach und nichts, wovon man sich erschlagen oder erdrückt fühlen muss. Man sollte einfach den fünf Rs folgen: Reduce (Verringern), Reuse (Wiederverwenden), Recycle, Rethink (Überdenken) und Refuse (Verweigern). Auf diese Weise kann jeder sein eigenes Abenteuer, seine eigene Plastiki in die Tat umsetzen.

Was raten sie Menschen, die selbst Zukunftsmacher und Katalysatoren für positive Veränderungen werden möchten?

Ich würde einfach sagen: Habe große Träume und schlage dich in der Realität durch. Positive Veränderungen zu bewirken ist nicht einfach, aber wenn du dein Bestes gibst, wirst du es schaffen!


Die Autoren

Dennis Lotter und Jerome Braun

Berater, Autoren und Vortragsredner der Benefit Identity GmbH. Diese berät und begleitet Unternehmen und soziale Institutionen in strategischen wie operativen Fragestellungen zu den Themen Nachhaltigkeit und Corporate Social Responsibility.











info@benefitidentity.com
www.benefitidentity.com




Quelle: Dennis Lotter, Jerome Braun
Gesellschaft | Pioniere & Visionen, 22.03.2012

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