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High-Tech Sweatshop in China?

Soziale Missstände in der Elektronikindustrie - und wie man ihnen begegnen kann

Fast ein Jahr ist es nun her, als die Selbstmordserie des Elektroherstellers Foxconn in China Aufsehen erregte. Zu Beginn des Jahres 2010 hatten sich zehn Beschäftigte des weltgrößten Produzenten von Elektronik- und Computerbauteilen das Leben genommen. Die Selbstmorde lösten eine heftige Diskussion über die Arbeitsbedingungen in chinesischen Fabriken aus, die für Konzerne wie Dell, Hewlett-Packard und Apple produzieren. Diese reagierten, indem sie eigene Ermittlungen einleiteten. Nach Lohnerhöhungen und Imagekampagnen Mitte des Jahres wurde es wieder still um den taiwanischen Computerhersteller. Es bleibt unklar, ob tatsächlich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen bewirkt wurde.

Große Markenunternehmen wie Dell, Hewlett Packard und Apple stehen im globalisierten Computermarkt in einem intensiven Wettbewerb
Foto: © Margot Kessler / Pixelio.de
Die Unternehmen der Computerindustrie stehen in einem intensiven Wettbewerb. Der globalisierte Computermarkt lässt sich durch stark sinkende Preise, steigende Leistung und schnellen Technologiewandel charakterisieren. Weil die Konsumenten immer die Computer kaufen, die technisch auf dem neusten Stand sind, sind die Markenunternehmen einem hohen Konkurrenz- und Innovationsdruck ausgesetzt. Dieser Druck zwingt sie, in immer kürzeren Abständen neue Produkte auf den Markt zu bringen, was die Produktlebenszyklen immer kürzer werden lässt. Computerhersteller müssen daher flexibel sein, um kurzfristig auf Veränderungen des Marktes zu reagieren, neueste Technologien schnell zu produzieren und dabei die Gesamtkosten zu minimieren. Aufgrund dieser Situation versuchen Unternehmen Einsparungen in ihrer Supply Chain zu machen, um profitabel zu bleiben. Immer mehr große Computerunternehmen haben begonnen, einige Herstellungsprozesse "outzusourcen". Das bedeutet, dass die Produktion von Computerteilen oder Komponenten und Dienstleistungen teilweise oder vollständig von externen Zuliefererbetrieben in Niedriglohnländern ausgeführt werden.

Der Konsument: Geiz ist geil?
Es ist häufig davon die Rede, dass sich die Erwartung vieler Konsumenten vor allem westlicher Nationen verändert hat. Sie achten beim Kauf darauf, ob ethische und ökologische Standards bei der Produktion des gekauften Gutes eingehalten werden. Aber ist der Schaden des Markenimages - wie es zum Beispiel bei Dell der Fall war - wirklich so ausschlaggebend für das Kaufverhalten der Menschen? Und selbst, wenn dies der Fall ist: reicht es aus, damit die großen Markenfirmen den starken Preisdruck auf ihre Zuliefererfirmen senken? Eine Tendenz zum verantwortungsvollen Kaufverhalten von Bioprodukten in der Lebensmittelindustrie ist bereits deutlich zu erkennen. Aber was ist mit den Konsumenten, die drei Stunden vor Ladenöffnung vor Elektronikmärkten oder Discountern stehen, um ein Schnäppchen zu ergattern? Wenn mit dem Slogan "Geiz ist Geil" oder "Wir hassen teuer" geworben wird, wird eine Änderung des Kaufverhaltens nicht gerade gefördert.

Kodizes der Unternehmen nur bedingt anwendbar
Die Gründung der EICC (Electronic Industry Citizenship Coalition) und die Verabschiedung eines gemeinsamen Kodizes war ein wichtiger erster Schritt in Richtung Verantwortungsübernahme. Er zeigt, dass große Computermarken die Kritik zu den Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern angenommen haben und dass sie mitverantwortlich für die Verbesserung der Situation in ihrer Supply Chain sind. Dennoch weist auch der Kodex deutliche Lücken auf. So fehlt zum Beispiel das Recht auf kollektive Verhandlungen, da der EICC grundsätzlich im Einklang mit chinesischem Gesetz steht und in China Gewerkschaften unterdrückt werden. Dies verdeutlicht, dass selbst eine Implementierung des Kodizes noch nicht ausreicht, um Verbesserungen in den Fabriken zu erreichen. Des Weiteren wirft es die Frage auf, inwiefern CSR überhaupt in einem Land wie China umgesetzt werden kann. Neben dem Verbot von Gewerkschaften, schreibt das Gesetz so niedrige Mindestlöhne vor, dass die ArbeiterInnen gerne bereit sind, Überstunden zu leisten. So führt selbst die Anwendung von CSR-Instrumenten nicht unbedingt zu einer Verbesserung der Situation.
 
 

von Sandra Lukatsch
 
 
 
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Was genau bedeutet gesellschaftliches Handeln für Unternehmen in der Zulieferkette? Wie kann CSR effizient umgesetzt werden? Handeln die Unternehmen so, wie sie es in ihren umfassenden Nachhaltigkeitsberichten darstellen?

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Quelle: Sandra Lukatsch
Wirtschaft | Lieferkette & Produktion, 16.02.2011

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