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Die Lockdown-Diskussionen – wir sollten von Großbritannien lernen

Der aktuelle Kommentar von Christian Kreiß

In Großbritannien findet momentan eine bemerkenswerte Diskussion über die vergangenen Lockdown-Maßnahmen statt. Deutschland sollte diese Maßnahmen genauso offen aufarbeiten.

Die Lockdown-Maßnahmen müssen kritisch aufgearbeitet werden, fordert Prof. Christian Kreiß. © queven, pixabay.comEiner der beiden konservativen Regierungschef-Kandidaten, der bisherige britische Finanzminister Rishi Sunak, hat die Diskussion um die Lockdowns vor wenigen Tagen dramatisch intensiviert. Der staatliche Nachrichtensender BBC berichtete am 25.8.2022 über die Aussagen von Rishi Sunak gegenüber der Zeitschrift "The Spectator": Ministern sei es untersagt worden, über Kollateralschäden der Lockdowns zu diskutieren; es sei falsch gewesen, eine staatliche Angstkampagne zu fahren. Das Regierungs-Script sei ein ungerechtfertigtes Angst-Narrativ gewesen. Die vorgegebene Leitlinie sei gewesen: "Es gibt keine negativen Auswirkungen". Interne Kritik in dem wissenschaftlichen Beratungsgremium  sei nicht veröffentlicht worden.

Mehr Tote als durch Covid
Das sind bemerkenswert kritische Aussagen zur Corona-Regierungspolitik seit März 2020, die hier im britischen Staatssender zur Sprache kommen. Aber nicht nur BBC berichtet erstaunlich kritisch zu den Regierungsmaßnahmen, sondern bereits eine Woche vorher, am 19.8.2022, erschien im Daily Mail ein Artikel mit der Überschrift: "Auswirkungen der Lockdowns könnten mehr Tote verursachen als Covid: Befürchtungen steigen über eine stille Gesundheitskrise, da das nationale Statistikamt in den letzten beiden Monaten beinahe 10.000 mehr Tote feststellt als im Fünf-Jahres-Durchschnitt – von denen keiner mit dem Virus zu tun hat". Demnach lag die Zahl der Todesfälle seit Juni um 14,4 Prozent über dem Fünfjahresdurchschnitt.

Seit Anfang Juni 2022 habe es beinahe 10.000 mehr Tote ohne Bezug zu Covid gegeben als im Fünfjahresvergleich. Diese Zahl sei über dreimal so groß wie die Zahl derjenigen, die im selben Zeitraum an Covid starben. Denn die Lockdowns hätten die Behandlungen von Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen aufgeschoben. Die British Heart Foundation sei "tief besorgt" über diese Erkenntnisse. Die Stroke Association, die sich um Schlaganfälle kümmert, habe gesagt, sie habe diesen Anstieg von Todesfällen seit einer ganzen Weile vorhergesehen.

Daily Mail zitiert den Privatarzt Dr. Charles Levinson: "Hunderte und Hunderte von Leuten sterben jede Woche, was ist los? Verschiebungen von Arztbesuchen und –behandlungen sind meiner Meinung nach die treibende Kraft. Die täglichen Covid-Statistiken beanspruchten die nationale Aufmerksamkeit, dagegen finden diese schrecklichen Zahlen kaum Beachtung. Eine vollumfängliche und dringende Regierungsuntersuchung sei sofort nötig."

Die Rolle der Wissenschaft

Der Spectator-Artikel hebt die zentrale Rolle der beteiligten und der ausgeschlossenen, nicht zu Worte kommenden Wissenschaftler hervor. Am Anfang, bis etwa Mitte März 2020, habe der wissenschaftliche Rat gelautet, Lockdowns abzulehnen oder zumindest zu verzögern. "Das alles änderte sich, als Neil Ferguson und sein Team vom Imperial College ihren berühmten Report 9 veröffentlichten". Die verheerenden Prognosen dieses Report 9, falls Großbritannien keine strengen und langanhaltenden Lockdwons einführe, stellten sich laut Spectator im Nachhinein als "starke Übertreibung" heraus. Die Annahmen und Ergebnisse seien nie überprüft worden. Eine Kosten-Nutzen-Analyse habe nie stattgefunden.

Der Report 9 und Professor Lockdown
Der Report 9 wurde am 16. März 2020 von dem britischen Epidemiologen und Professor für mathematische Biologie, Neil Ferguson vom angesehenen Imperial College London zusammen mit 30 anderen Forschern veröffentlicht. Er sagte 550.000 Tote für Großbritannien durch Covid und 2,2 Millionen Tote für die USA voraus sowie eine 30-fache Überlastung der Krankenhausbetten. Bis ein Impfstoff zur Verfügung stünde, bräuchten wir harte Lockdowns, "möglicherweise 18 Monate oder mehr".

Der Report 9 hatte sensationelle Auswirkungen. Kurz nach seinem Erscheinen verhängten zahllose Staaten auf der ganzen Erde einen harten Lockdown mit meist genau den Maßnahmen, die Ferguson und seine Mitstreiter vorgeschlagen hatten. Beispielsweise wurden in 150 Ländern Schulschließungen durchgeführt, die allein bis Ende Mai 1,2 Milliarden Schulkinder (etwa 70 Prozent aller Schulkinder weltweit) betrafen. Der Report 9 war damit vielleicht das folgenreichste wissenschaftliche Paper aller Zeiten. Neil Ferguson wurde in der britischen Presse daraufhin als "Professor Lockdown" betitelt. Bis weit ins Jahr 2021 hinein basierten fast alle Lockdown-Maßnahmen weltweit sowie die Begründungen dafür im Kern auf der Argumentation dieses Papers.

Umso erstaunlicher ist es, dass laut Spectator und Rishi Sunak bis heute keine wissenschaftliche Überprüfung der Aussagen des Report 9 stattgefunden hat. Und das, obwohl sich herausgestellt habe, dass das Paper "stark übertrieben" habe.

Der track-record von "Professor Lockdown"
Wie kam es zu den groben Fehlangaben des Report 9? Werfen wir dazu einen kurzen Blick auf frühere Prognosen von Neil Ferguson. 2002 sagte er bis zu 150.000 Tote durch BSE (Rinderwahn) voraus – nicht bei Kühen, sondern bei Menschen. Tatsächlich gab es damals etwa 2.700 Tote. Das entspricht einer 55-fachen Überschätzung. Bei der Schweinegrippe 2009 prognostizierte er 65.000 Tote für Großbritannien, tatsächlich kam es zu 457. Das entspricht einer Fehlschätzung um den Faktor 142. Und bei der Vogelgrippe sagte er 2005 200 Millionen Tote weltweit voraus – es kam aber nur zu 455 – eine Fehlschätzung um den Faktor 439.000. Der Mann scheint keine glückliche Hand bei Vorhersagen zu haben.

Aber eine Konstante durchzieht sämtlichen katastrophalen Fehleinschätzungen von Professor Neil Ferguson: Er irrte immer und ausschließlich zu Gunsten der Impf- bzw. Pharmaindustrie.

Warum wurde ein solch zertifizierter Fehlprognostiker zur wissenschaftlichen Schlüsselfigur bei der Corona-Bekämpfung ernannt? Wer genau hat diesen Mann in diese führende Rolle gebracht? Wer hat entschieden, dass genau er die größtmögliche mediale Aufmerksamkeit, den maximalen medialen Impact erfährt, während andere renommierte Wissenschaftler mit weit weniger dramatischen Aussagen kein Gehör in der Öffentlichkeit fanden, sondern sogar diffamiert wurden? Warum oder besser: Wozu? Jemand mit gesundem Menschenverstand würde einem solchen ausgewiesenen Fehlprognostiker mit einem derartigen track-record von systematischen Fehlaussagen niemals mehr trauen.

Was steckt dahinter?
Eine interessante Konstante, die sich durch das gesamte Ferguson-Paper zieht, ist der mantraartig wiederholte Hinweis auf die Notwendigkeit einer Impfung. Ohne Impfung keine Chance auf Normalität. Wie kommt das?

Im Jahr 2020 erhielt das Imperial College London über 79 Millionen Dollar von der impffreudigen Bill and Melinda Gates-Foundation, seit 2010 bis Herbst 2020 insgesamt knapp 190 Millionen Dollar. Auch die Arbeit von Ferguson ist offenbar direkt von der Gates-Foundation mitfinanziert. Das Imperial College arbeitet eng mit der Pharmaindustrie zusammen. So wurde 2015 ein gemeinsames Labor mit GlaxoSmithKline (GSK) gegründet, und am Imperial College werden regelmäßig Reden von hochkarätigen Pharmavertretern gehalten. Kurz: es bestehen offenbar langjährige enge freundschaftliche Bande mit der Pharmaindustrie und der Gates-Stiftung, die beide größtes Interesse daran haben, Massenimpfungen durchzuführen.

Wie ausgewogen ist die wissenschaftliche Forschung von Menschen oder Instituten, die so stark mit der gewinnmaximierenden Industrie zusammenarbeiten und hohe Geldzahlungen von Impfpapologeten erhalten? Und genau das tat Neil Ferguson in ungeheurem Ausmaß. In meinen Augen handelt es sich hier um interessengeleitete Forschung im Dienste der Industriegewinne und zu Lasten der Wohlfahrt der Menschheit. Der gesundheitliche, ökonomische, soziale und menschliche Schaden, der durch die harten Lockdowns weltweit angerichtet wurde, ist in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte einzigartig und dürfte bei Weitem deren Nutzen übertroffen haben, wie sich mehr und mehr herausstellt.

Die Prognosen des Christian Drosten
Prof. Christian Kreiß. © privatZuletzt ein kurzer Blick nach Deutschland. Auch bei uns wurde ein Wissenschaftler in den Medien hochgespielt und zum Hauptregierungsberater ernannt, der einen äußerst schlechten Track-record im Prognostizieren von Virenverläufen hat: Christian Drosten. Drosten sagte im Mai 2010 zur Schweingrippe, es gebe eine drastische Zunahme der Erkrankungen in Süddeutschland. Er gehe davon aus, dass die Welle von Süden aus in einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen über Deutschland hinwegziehen werde. Drosten rief dringend dazu auf, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen. "Bei der Erkrankung handelt es sich um eine schwerwiegende allgemeine Virusinfektion, die erheblich stärkere Nebenwirkungen zeitigt als sich irgendjemand vom schlimmsten Impfstoff vorstellen kann." Das waren alles komplette Fehleinschätzungen. Und ein solcher Virus-Fehlprognostiker durfte seit 2020 in Deutschland maßgeblich Medien und Politikmaßnahmen beeinflussen, während seriöse Wissenschaftler mit sehr viel realistischeren Einschätzungen verunglimpft wurden und werden.
 
Fazit
Wir sollten umdenken und beim Umgang mit Corona von Großbritannien lernen, das sich einer sehr viel offeneren, demokratischeren, freieren und kritischeren Auseinandersetzung über die Lockdowns und andere Covid-Maßnahmen stellt als Deutschland.

Ungekürztes Original des Textes mit Quellenangaben
 
Christian KreißFrüher Investmentbanker, seit 2002 Professor für Finanzierung an der Hochschule Aalen und Autor zahlreicher Bücher, darunter das Buch "Werbung nein danke" (2016). Als Mitglied des Kuratoriums von forum Nachhaltig Wirtschaften skizziert er Wege in eine menschlichere Wirtschaft. Sein 1919 erschienenes Buch „Das Mephisto-Prinzip" kann auf dieser Website heruntergeladen werdenwww.menschengerechtewirtschaft.de

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