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Gesundheit – noch bezahlbar?

Reformbedarf in der Krankenversicherung

Seit Jahren ist der Reformbedarf in der Krankenversicherung bekannt. Es stellt sich die Frage, wie sie das gesellschaftliche Ziel, Gesundheit und ein langes Leben der Bevölkerung bestmöglich unterstützen kann.

Sollen Extremsportarten, Rauchen, Bewegungsmangel und eigenverschuldetes Übergewicht zu erhöhten Beiträgen in der Krankenkasse führen? © nullplus@stock.adobe.comEines ist bereits beantwortet: Die Bürgerversicherung, also die einheitliche Krankenversicherung für alle, gibt es vorerst nicht. Das machte die Ampelregierung in ihrem Koalitionsvertrag fest. Die Kombination aus gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) wird also beibehalten. Dies mit der Einführung einer Bürgerversicherung zu ändern, wäre ein Mammutprojekt. Zum einen wegen der enormen Kosten und rechtlichen Unsicherheiten und zum anderen wegen der Ungewissheit, ob sich die gewünschten Ergebnisse dadurch tatsächlich langfristig einstellen würden, nämlich mehr Gerechtigkeit, ein reduzierter Beitragsaufwand und ein verbessertes allgemeinen Versorgungsniveau. Doch es gibt andere Gestaltungsmöglichkeiten zur Verbesserung unseres Gesundheitssystems.
 
Ausgangslage: Gesetzliche versus private Krankenversicherung
Die Krankenversicherung in Deutschland ist zweigleisig geregelt, etwa 90 Prozent der Bevölkerung sind über die gesetzliche (GKV) und 10 Prozent über die private Krankenversicherung (PKV) versichert. Die Anzahl der gesetzlichen Kassen reduzierte sich von früher über 1.000 auf heute etwa 100, ein weiterer Rückgang auf 50 bis 60 wird von Experten erwartet. Ihre Leistungen betragen jährlich etwa 240 Milliarden bei einem staatlichen Zuschuss von circa 14 Milliarden und Rücklagen von circa 25 Milliarden Euro. Die Privaten erbringen circa 30 Milliarden Euro an jährlichen Leistungen und haben Rücklagen von circa 290 Milliarden Euro, welche von den Versicherten über die Jahre aufgebaut worden sind.

Das Problem: Die Kosten steigen immer mehr
Der guten Absicherung steht eine besorgniserregende Entwicklung der Gesundheit der Deutschen gegenüber. Zwar ist die Lebenserwartung über die letzten 100 Jahre in beeindruckender Weise gestiegen, sie liegt aktuell bei 83 Jahren für Frauen und 79 Jahren für Männer. Die Gründe sind medizinischer Fortschritt, verbesserte Hygiene, Fortschritte im Gesundheitswesen, bessere Arbeitsbedingungen und eine gesündere Lebensweise. Auf der anderen Seite jedoch sehen wir eine Zunahme der Zivilisationskrankheiten: Ein Drittel der Todesfälle geht auf Herz- und Kreislauferkrankungen zurück, ein Viertel auf Krebserkrankungen. Bei einer Verkürzung des Betrachtungszeitraums auf die letzten Jahrzehnte zeigt sich generell, dass unausgewogene Ernährung und Bewegungsmangel wesentliche Ursachen sind. Neben körperlichen Beschwerden wie Fettleibigkeit, Gefäßerkrankungen, Bluthochdruck, Allergien und einer insgesamt reduzierten Infektabwehr sind es auch psychische Erkrankungen durch Stress, Lärm und Leistungsdruck.

Die Frage: Wie weit muss die Solidarität gehen?
Klar ist zunächst, dass wir ein solidarisches Gesundheitssystem brauchen. Niemand kann schließlich alleine auf alle Unwägbarkeiten des Lebens finanziell vorbereitet sein. Klar ist ebenso, dass ein solidarisches System per se nicht unter dem Aspekt der Verteilungsgerechtigkeit beurteilt werden kann, denn echte Solidarität ist darauf ausgerichtet, demjenigen mehr zu geben, der mehr braucht. Dennoch stellt uns die Solidarität im Gesundheitssystem vor Fragen – vor allem in Bezug auf die GKV, die noch mehr auf dem Prinzip der Solidarität ausgerichtet ist als die PKV. Denn ein Grundpfeiler der Krankenversicherung ist es, unberücksichtigt zu lassen, wie risikogeneigt und ungesund das Verhalten des einzelnen ist. Aber ist es gerecht, wenn der gesund und risikoarm lebende Versicherte gegenüber allen Versicherten solidarisch sein muss, die bekanntermaßen gesundheitsschädliche Verhaltensweisen an den Tag legen: zu viel Essen, Rauchen, Zucker- oder Alkoholkonsum, Hochrisikoaktivitäten und -sportarten? Das Solidarsystem erlaubt der Freiheit des Einzelnen bisher alles, egal in welchem Umfang. Kann die Lösung darin liegen, vermeidbarem und somit sozusagen verschuldetem Risikoverhalten entgegenzuwirken?
 
 Wer ist verantwortlich für ungesunde Ernährung, Fettleibigkeit und denaturierte Lebensmittel? Und wer soll die Folgekosten tragen? 

Die Politik hat hier viel breitere Gestaltungsmöglichkeiten. Sie kann Einfluss ausüben auf die Agrarwirtschaft, die Lebensmittelindustrie, den Arbeitsmarkt und auf die Bildung. Leider gibt es bisher wenig politischen Gestaltungswillen für diese Eingriffe und für die Förderung einer wirklich gesunden Ernährung. Die Schwierigkeiten bei der Einführung einer Lebensmittelampel zur Verbesserung der Transparenz sind ein Beispiel dafür.

Sind Angebote nachhaltiger Krankenversicherungen die Lösung?
Doch es gibt auch neue, interessante Wege jenseits der Politik. Dazu gehören die Angebote der nachhaltigen Krankenkassen. Ihre Produkte und Leistungen setzen bei Vorsorge und Prävention an. Sie versuchen gesundheitsbewusstes Verhalten gezielt zu fördern und krankmachende Gewohnheiten dauerhaft zu beeinflussen. Digitalisierung sowie die Anwendung von neuen Technologien, insbesondere mit Hilfe von Fitnessarmbändern und Apps, bieten hier viele Einsatzmöglichkeiten. Hat zum Beispiel der Träger eines Fitnessarmbands eine unnormale Herz- oder Atemfunktion oder einen niedrigen Zuckerwert, wird er gewarnt. Ebenso kann das System an die Medikamenteneinnahme erinnern oder das Gesundheitsverhalten über längere Zeiten beobachten, indem es etwa Schritte zählt oder die Atmung, den Herzschlag oder Handynutzungszeiten misst.
 
Der Änderungsprozess ist dreistufig: Zunächst wird das gelebte Risikoverhalten bewusst gemacht, anschließend werden Verhaltensveränderungen vorgeschlagen und letztlich Anreize für gesundheitsbewusstes Leben gesetzt. Im Zusammenhang damit bieten nachhaltige, private Krankenkassen eine Möglichkeit, die in der GKV nicht möglich ist: Sie können die Beiträge anpassen, wenn jemand risikoarm lebt. Wichtig ist, dass dabei der Datenschutz maximal gesichert ist und die Solidarität erhalten bleibt. Nachhaltig denkende Krankenversicherer erkennen auch die Bedeutung der Psyche für die Gesundheit und für den Heilungsprozess, sind offen für alternative und naturheilkundliche Behandlungsmethoden und setzen auf die Förderung der Selbstheilungskräfte des Körpers. Wie wichtig ein starkes Immunsystem ist, wurde in der Pandemie dramatisch deutlich.

Was ist Nachhaltigkeit in der Krankenversicherung?
Die eigentliche Versicherung der Gesundheit liegt zunächst in der Eigenverantwortung des Einzelnen – durch gesunde Lebensführung, bewusste Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und angemessene Arbeits- und Stressbelastung. Die Politik und die Krankenversicherungen jedoch können durch Anreize in vielfältiger Weise wünschenswertes Verhalten unterstützen und damit ihre Dienstleistung über die Grenzen des Versicherns erweitern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage, gerade wenn, wie in der privaten Krankenversicherung, Beiträge über Jahrzehnte angespart und angelegt werden müssen. Die Abwicklung des Versicherungsgeschäfts ist der dritte Punkt. Das beinhaltet, dass klimaneutral gewirtschaftet wird, indem zum Beispiel der Papier- und Energieverbrauch reduziert wird. Endlich wird das Thema Nachhaltigkeit zu einem Wettbewerbsfaktor in der Branche.
 
Von Fritz Lietsch und Mathias Warlich

Lifestyle | Gesundheit & Wellness, 01.07.2022
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2022 mit dem Schwerpunkt: Wirtschaft im Wandel - Habeck Superstar? erschienen.
     
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