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"Grüne Zertifikate"- Vielfalt ohne Ende - Wie Sie durch den Zertifikate- Dschungel kommen

Von Björn Collmann

Anlagezertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen. Das Zertifikat in seiner Vielzahl an Ausgestaltungsmöglichkeiten erfreut sich bei Banken und Anlegern großer Beliebtheit. Zwischenzeitlich haben die in Deutschland 30 aktiven Emittenten nahezu 300.000 Zertifikate ausgegeben. Das Marktvolumen hat beinahe die 3 Milliarden Euro Grenze erreicht.

Statt eines fixen Zins wie bei Papieren des Bundes oder von Unternehmen oder wie bei Aktien die Dividende erhält der Anleger eine individuelle Gratifikation. Diese ist abhängig vom jeweiligen Kurswert des Zertifikates oder von dem dahinterliegenden Konstrukt, sprich dem Investment in einen Aktienkorb oder Index. Index-Zertifikate sind streng genommen nichts weiter als eine Zusammenfassung von nach bestimmten Regeln ausgewählten Basiswerten, die das Emissionshaus bestimmt. Darum sollte man auf die Zusammensetzung des Index achten, also welche Werte darin stecken und ob diese Aktien auch nach sozialen und umweltverträglichen Aspekten ausgewählt wurden. Wissen sollte man außerdem, dass bei der Variante des Performanceindex die Dividendenzahlungen mit einbezogen werden, bei einem Kursindex hingegen nicht. Nachfolgend erklärt Zertifikateexperte Björn Collmann die Unterschiede bei "grünen" Zertifikaten abhängig vom jeweiligen Thema.

Gut Holz!

Während weltweit jede Stunde mit 17 Quadratkilometern eine Fläche von rund 2.360 Fußballfeldern Tropenwald unwiederbringlich verloren geht, jagen hierzulande immer mehr Menschen Holz einfach durch den Kamin. Inzwischen hat die steigende Nachfrage nach diesem Rohstoff zahlreiche Investoren und neuerdings auch die Zertifikateindustrie auf den Plan gerufen. Anleger haben die Qual der Wahl zwischen neun Produkten zu wählen, die sich alle intensiv mit Holz befassen. Bei der Auseinandersetzung mit der Geldanlage Holz zeigt sich auf den ersten Blick ein gewisser Zwiespalt. Auf der einen Seite die über Jahrtausende anhaltend große Bedeutung dieses nachwachsenden Werkstoffes als Basis für den Haus- und Schiffsbau, für Inneneinrichtungen, die Papierherstellung oder zu Heizzwecken. Auf der anderen Seite der rücksichtslose Raubbau an den Edelhölzern der tropischen Regenwälder, der über einen Zeitraum von nur 40 Jahren zur Vernichtung der Hälfte dessen führte, was die Natur zuvor in über 100 Millionen Jahren aufgebaut hatte.

Mehrere Holzwege stehen offen

Für Anleger ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten, in Holz zu investieren. Während ein eigenerWald für die wenigsten in Frage kommt, bieten eine Vielzahl von Emittenten so genannte Holzzertifikate an, die in Unternehmen der Holzindustrie investieren. Im März 2006 hat die Schweizer Großbank UBS als erste Emittentin ein solches Zertifikat auf den hauseigenen Global Timber Index gesetzt. Das Papier bezieht sich auf ein jährlich festgesetztes Portfolio aus den 16, gemessen an ihrer Marktkapitalisierung, größten internationalen Einzeltiteln der Holz- und Forstindustrie. Um eine ausreichende Diversifikation sicherzustellen, ist die Gewichtung jeder Aktie auf maximal 10 Prozent notwendig. Ein anderes Produkt kommt aus dem Hause der Société Générale (SG), die den World Timber Total Return Index (TIMBEX) gleich mit der STOXX Ltd. ins Leben gerufen hat. Bei diesem Konzept liegt ein besonderes Augenmerk auf Unternehmen der Holzweiterverarbeitung, was zu einer Übergewichtung von Vertretern aus der Papierindustrie führt. Frisch auf dem Markt ist das Forest-Opportunity- Zertifikat der Landesbank Berlin. Das Zertifikat investiert nur in ökologisch einwandfrei arbeitende Unternehmen, die zusätzlich noch über ein anerkanntes Gütesiegel (FSC, PEFC) verfügen. Trotz der Vielzahl der Investmentmöglichkeiten fällt das Fazit aus heutiger Sicht eher bescheiden aus: Alle am Markt befindlichen Zertifikate notieren derzeit unter Emissionsniveau. Noch am besten schneidet das Indexzertifikat der SG ab, das "nur" knapp 10 Prozent vom Ursprungsniveau entfernt ist.

Biokraftstoff - Eine Alternative

zu fossilen Brennstoffen? In der Energiebranche vollzieht sich derzeit ein historischer Wandel. Biokraftstoffe verlassen ihre Nische und avancieren zu gefragten Energieträgern. Ihre vormals profanen Ausgangsprodukte wie beispielsweise Zucker werden zu begehrten Rohstoffen, und die an der
Produktion beteiligten Unternehmen verfügen plötzlich über eine ungeahnte Wachstumsphantasie. Kein Wunder: Ölkonzerne halten bislang die Rekorde für die höchsten Unternehmensgewinne, doch das könnte sich bald ändern.

"Schwarzes Gold" prescht davon

Nicht zuletzt seit der Ölpreis auf deutlich über 100 US-Dollar pro Barrel gestiegen ist, ist die Produktion von Biotreibstoffen wie Biodiesel, Biogas oder Ethanol mehr als rentabel. Dass die dafür benötigten Technologien überwiegend bereits seit Jahrzehnten bekannt und etabliert sind, macht die Suche nach Alternativen zum teuren Rohöl relativ einfach. So sind alleine in Deutschland beispielsweise sieben neue Anlagen im Bau, die die Produktionskapazitäten für Ethanol auf Pflanzenbasis schon 2007 auf rund 900.000 Tonnen verdoppelt haben. Dass sich der Wandel bereits vollzieht und die Technik voll alltagstauglich ist, zeigt die Tatsache, dass der Einsatz der "grünen Kraft" bei den großen Flottenbetreibern, dem Speditionsgewerbe sowie der Land- und Forstwirtschaft bereits stattgefunden hat.

In einer aktuellen Studie zum Thema Biokraftstoffe warnten kürzlich Experten der Vereinten Nationen
vor drohenden Gefahren, die durch exzessive Nutzung von Nahrungsmittelpflanzen als Kraftstoff verursacht werden. Dazu zählen etwa die Abholzung der Regenwälder, der Rückgang der Artenvielfalt und die Rückkehr zur Monokultur.

Biokraftstoff wird zum Zertifikatethema

Anleger können auch beim Thema Biokraftstoff auf die freundliche Unterstützung der Emittenten rechnen. So wie aus dem Hause HSBC Trinkaus & Burkhardt. Das Basket-Zertifikat basiert auf einem Korb mit zwölf Aktien. Zu den größten Positionen gehören der US-Agrarriese Archer Daniels Midland und der Schweizer Saatguthersteller Syngenta. HSBC berechnet zwar keine Verwaltungsgebühr, streicht dafür aber die Hälfte der Dividenden ein. Einen anderen Weg geht die UBS mit einem Indexzertifikat
auf den hauseigenen UBS Diapason Biofuel ER Index. Hierbei handelt es sich um ein Börsenbarometer, das direkt auf den verschiedenen Soft-Commodities wie beispielsweise Mais und Zucker investiert. Die Gewichtung orientiert sich dabei an der derzeitigen Bedeutung der Rohstoffe für die Herstellung von Biokraftstoffen. Zweimal pro Jahr wird der Index angepasst. Dabei wird darauf geachtet, dass kein Rohstoff einen höheren Anteil als 30 Prozent erreicht. Dividenden fallen bei dem Produkt nicht an, auch bei eventuellen Zinsgewinnen gehen Anleger leer aus. Die Performance des UBS-Zertifikates ist umso erfreulicher: In den letzten drei Monaten konnte das Zertifikat trotz eines volatilen Marktumfelds über 20 Prozent zulegen.

Wasser - ein kostbares Gut

Geht es nach Experten, die sich intensiv mit Wasservorkommen und Wasseraufbereitung beschäftigen, wird der "blaue Rohstoff" zukünftig zu einem sehr knappen Gut. Schon knappen Trinkwasserressourcen und können teilweise ihre Bevölkerung nur mit Müh und Not mit dem kostbaren Quell des Lebens versorgen.

Noch wird Wasser von vielen Bürgern in den Industrieländern als freies Gut betrachtet, das grenzenlos zur Verfügung steht. Statistiken zeigen jedoch ein anderes Bild: Zwar sind rund zwei Drittel der Erdoberfläche von Wasser bedeckt, der größte Teil davon ist jedoch Salzwasser und nicht direkt nutzbar. Größere Vorkommen von trinkbarem Wasser lagern noch im tiefen Eis der Antarktis, das zu fördern eine globale Herausforderung wäre. Kein Wunder, wenn die Wasserrechnungen sukzessive auch hierzulande erhöht werden. Ob die leeren Kassen der Kommunen über kurz oder lang auch Privatisierungsmaßnahmen im Wassersektor hervorrufen, dürfte künftig zu einer Wahlkampffrage werden.

Wasser-Unternehmen sind "heikle Investments"

Noch hat die Rallye bei Unternehmen, die im Wassersektor tätig sind nicht begonnen. Das könnte sich bald ändern. Viele Unternehmen stecken schon in den Startlöchern, um die "Filetstücke" der Kommunen zu übernehmen. Grund genug für viele Investoren, sich mit dem Thema Wasser und den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern der in diesem Sektor agierenden Unternehmen näher zu befassen. Der wichtigste Bereich im Wassersektor stellt für viele Experten immer noch die Wasserversorgung dar, die insbesondere von den Privatisierungsvorhaben der Kommunen profitieren dürfte.

Kaum ökologisch

Ökologisch versierte Anleger bekommen schwerlich absolut grüne Produkte in die Hand, die die harten ethischen Ausschlusskriterien erfüllen. Wiewohl haben die am Markt befindlichen Wasser-Zertifikate einen attraktiven Investmentansatz. In die Spitzenposition haben sich die Produkte der Société Générale (SG) und ABN Amro katapultiert. Die französische Großbank hat vor knapp einem Jahr in Zusammenarbeit mit den eidgenössischen Fondsund Index-Experten SAM Group den World Water Index (WOWAX) aus der Taufe gehoben. Der Index besteht aus den weltweit größten Unternehmen, die im Wassersektor tätig sind. Als ökologisch orientierter Anleger nimmt man dabei in Kauf, dass diese Unternehmen mit der Wasserdistribution sowie dem Bau der nötigen Infrastruktur enorme Renditen gerade in Schwellenländern erzielen.

Rein technisch ist das Indexzertifikat anlegerfreundlich, weil als Performanceindex konstruiert. Alle Unternehmen müssen ihren Kernumsatz im Wassergeschäft generieren und auf der Grundlage ihrer Marktkapitalisierung zu den größten ihrer Branche gehören. Anleger, die auf ein lupenreines Ökoinvestment schielen, werden enttäuscht sein, da einige Unternehmen wie die Wassergiganten Vivendi-Veolia oder Suez Geschäfte auch in weniger ökologisch angehauchten Bereichen betreiben.

Klimawandel - der letzte macht das Licht aus

Kein Umweltthema ist von der Zertifikateindustrie mit soviel Aufmerksamkeit bedacht worden wie der Klimawandel. Dass bei der Umsetzung in entsprechenden Investments keine Philanthropen, sondern geschickte Marketingstrategen am Werk gewesen sind, ist vielen Anlegern leider verborgen geblieben.

Gefahr erkannt, Problem gebannt?

Bereits 1895 entdeckte der schwedische Wissenschaftler Svante August Arrhenius, dass der Ausstoß von CO2 den so genannten Treibhauseffekt auslöst. Die Erkenntnis ist vielen Politikern, Wirtschaftslenkern und letztendlich auch der Bevölkerung erst in den letzten Jahren bewusst geworden. Unweltkatastrophen, starke Temperaturgefälle und ein ansteigender Meeresspiegel sind nach Meinung vieler Meteorologen nur die Vorboten. Auch wenn man nicht jedes Wetterextrem sofort dem Klimawandel zuschreiben sollte: Beim Klimawandel ist es kurz vor zwölf! So gehen Klimaforscher nach dem jüngsten Klimabericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) davon aus, dass sich die Erde bis zum Jahr 2100 um bis zu 6,4 Grad Celsius erwärmen wird.

Klimawandel-Zertifikate nur ein Marketing-Gag?

Angestoßen durch die öffentliche Diskussion und die vermehrte Nachfrage nach ethisch-ökologischen Investments haben auch die Produktentwickler der Zertifikatebranche den Klimaschutz für sich entdeckt. Mittlerweile können Anleger auf 14 Zertifikate zum Thema Klimawandel zurückgreifen. Auch wenn sich das Gros der Klimawandel- Zertifikate auf Unternehmen fokussiert, bei denen es um die Vermeidung des klimaschädlichen CO2-Ausstoßes geht, gibt es starke strukturelle Unterschiede.

Während beispielsweise das von Lehmann Brothers lancierte Klimawandel- Zertifikat auf einen statischen Aktienkorb von 14 europäischen Unternehmen setzt, die sich dem Klimaschutz verpflichtet fühlen, hat der Großteil der am Markt befindlichen Zertifikate einen Index als Basiswert, der in regelmäßigen Abständen angepasst wird. Auch was das ethisch-ökologische Gewissen anbelangt sollten Anleger nicht dem Trugschluss unterliegen, dass bei diesen Produkten alles Gold ist, was glänzt. Eine Reihe von Zertifikaten investiert durchaus in Energiedienstleister, die in der Atombranche aktiv sind. Anleger, die sich am Atomkraft-Anteil des zugrunde liegenden Aktienkorbes stören, können auf das Klima-Zertifikat der WestLB ausweichen. Im Basiswert des Zertifikats sind Unternehmen, die verstärkt auf Kernkraft setzen, nicht enthalten. Das internationale Portfolio ist insgesamt stärker diversifiziert. Eine probate Indexlösung kommt aus dem Hause der Deutschen Börse,
die vor knapp anderthalb Jahren den DaxGlobal-Alternative-Energy- Index ins Leben gerufen hat. Das
Börsenbarometer setzt auf die weltweit größten 15 Unternehmen aus den Bereichen Erdgas, Wind, Solar, Ethanol und Geothermie und bietet Anlegern einen Querschnitt aus allen relevanten Bereichen der regenerativen Energien.

Björn Collmann, 32, Chefredakteur zertifikate kompakt
Quelle: FORUM Nachhaltig Wirtschaften Büro Süd
Lifestyle | Geld & Investment, 08.07.2008

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