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Gold Rush – Wertanlage in der Krise

funkelnd, wertvoll, zerstörerisch

In der Coronakrise setzen Anleger wieder verstärkt auf Gold. Doch das hat verheerende Folgen für Menschen und Umwelt. Sicherheitsbewusste Investoren werden dabei „Steigbügelhalter" der Zerstörung.
 
Die erneut steigende Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus verbreitet zunehmende Unsicherheit. Umso wichtiger wird Gold als Wertanlage für Anleger. Der Preis für die Feinunze mit 31,103 Gramm steigt seit Monaten und nähert sich der Marke von 2000 US-Dollar. Damit kostet Gold fast vierzig Prozent mehr als zur gleichen Zeit des Vorjahres. Auch die Nachfrage nach dem funkelnden Goldschmuck legt derzeit zu.
 
© ktsdesign, 123rf.co Angesichts der Coronakrise rechnen Analysten der ING-Bank und der Schweizer Großbank UBS damit, dass der Preis weiter steigen wird. Dabei halten deutsche Privathaushalte schon heute vier Prozent ihres Gesamtvermögens als Gold, und auch die Zentralbanken legen sich wieder Goldbarren zu. Goldgestützte, börsengehandelte Fonds sind bei Anlegern ebenfalls sehr beliebt. Das klingt auf den ersten Blick nach kluger Vorsorge. Was bei dieser Entwicklung oft übersehen oder einfach verschwiegen wird, sind die Schattenseiten des funkelnden Edelmetalls: Die Förderung von Gold hat schwerwiegende Folgen für Mensch und Natur. „Jeder Anstieg des Preises für eine Feinunze vergrößert sofort die Schar der oft illegal arbeitenden Goldsucher. Sie hinterlassen eine Spur der Zerstörung", sagt Christof Schenck, der Direktor der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Er bereist regelmäßig die Regenwälder und ist jedes Mal schockiert über die Zerstörung, die die Gewinnung von Gold verursacht: „Zuerst werden die Regenwälder gerodet, dann die Flüsse verschmutzt und schließlich wird die gesamte Umgebung vergiftet." Schenck sieht in der Gewinnung von Gold auch eine wichtige Ursache für die zunehmende Bedrohung der Lebensräume und für die Vertreibung indigener Bevölkerungen aus ihrer Heimat, vor allem in der Amazonas-Region. Die Aufkäufer und Investoren sind für Schenck die „Steigbügelhalter" dieser Zerstörung.
 
Gold tötet Mensch und Natur
Wie sehr die Umwelt durch den Run auf Gold ruiniert wird, erlebt auch Hartmut Heidenreich hautnah. Seine Dortmunder Kirchengemeinde unterhält eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in der nördlichen Andenregion von Peru. Multinationale Konzerne fördern dort Gold im Tagebau. „Der Goldabbau hinterlässt schon nach acht Jahren mehrere hundert Meter tiefe und kilometerlange, vergiftete Krater, die weder zuzuschütten noch renaturierbar sind", klagt Heidenreich. Die Goldausbeute der Konzerne ist hoch, da in einem Laugenverfahren mithilfe von Zyanid selbst kleinste Goldspuren aus dem abgebauten Gestein herausgelöst werden. Doch Zyanid ist das Salz der Blausäure und hochgiftig. Jedes Jahr hinterlässt der Goldabbau in der Region, bei dem mehr als 180.000 Tonnen Zyanid verwendet werden, eine hochgiftige Schlacke, die das Grundwasser verseucht und in Flüsse gespült wird. Ebenso verheerend sind die Folgen der Goldgewinnung aus Flusssand, die von Kleinschürfern betrieben wird. Bei dieser Methode kommt Quecksilber zum Einsatz. Es wird mit dem Goldstaub vermischt und dann erhitzt. Das giftige Gas Quecksilber entweicht, das Gold bleibt zurück. Dadurch gelangen große Mengen Quecksilber in die Umwelt. Die Umweltorganisation WWF hat die Folgen der Goldgewinnung in mehreren aktuellen Studien untersucht. Danach arbeiten in den Minen rund 30 bis 40 Millionen Menschen unter „ausbeuterischen und gesundheitsgefährdenden Bedingungen". Durch Zyanid und Quecksilber leiden viele von ihnen an Vergiftungen, die tödlich sein können, so der WWF.
 
Wir können alles ändern, wenn wir wollen
Immerhin hat die Kritik an den Folgen der Goldförderung zur Suche nach Alternativen geführt. Seit einigen Jahren bieten engagierte Juweliere „fair gehandeltes Gold" an. Es stammt aus zertifizierten Minen, in denen grundlegende Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden. Auch der weltgrößte Schmuckhersteller, die dänische Firma Pandora, will nach eigenen Angaben zunehmend auf faires und Recycling-Gold und -Silber umsteigen. Doch Hartmut Heidenreich ist skeptisch: „Zugegeben, beim fairen Gold sind die sozialen Standards höher als in konventionellen Minen, das ist ein Vorteil. Aber Giftfreiheit ist keine Bedingung. Und Alternativen zu Zyanid und Quecksilber sind mir nicht bekannt."
Die wichtigste Alternative zu neu gewonnenem Gold liegt für Heidenreich ebenso wie für den WWF im Recycling. „Wiederverwertetes Altgold hat den gleichen Wert wie neu gewonnenes Gold. Es belastet die Menschen und die Umwelt jedoch deutlich weniger", schreibt der WWF. Das Altgold kann aus Schmuckstücken stammen, die nicht mehr benötigt werden, wie auch aus elektronischen Geräten. Gold wird in der Zahntechnik ebenso verwendet wie für Smartphones und Laptops. Da in deutschen Haushalten nach Expertenschätzung mehr als 120 Millionen alte Handys nicht mehr genutzt werden, könnte allein das Recycling dieser Geräte 2,9 Tonnen Gold einbringen. Nach Berechnungen von Heidenreich bringen 21 recycelte Handys so viel Gold wie eine Tonne zermahlenen und mit hochgiftigem Natriumzyanid beträufelten Gesteins in Peru.
Tobias Kind, Rohstoffexperte des WWF, fordert Goldhändler, Juweliere und die Anbieter goldgestützter Fonds auf, künftig fair gehandeltem Gold und Recycling-Gold den Vorrang zu geben und die Kunden dabei lückenlos über die Herkunft des Goldes zu informieren. „Dann haben die Anleger die Chance, schmutziges Gold aus ihren Anlagen herauszuhalten." Hartmut Heidenreich geht noch weiter. Für ihn liegt das Problem in dem „Mythos von Gold als Wertanlage". Denn der Preis für das Edelmetall, auch der von Recycling-Gold, werde von wenigen Großbanken bestimmt. „Damit bestimmen sie auch über die Zerstörung, die die Förderung von Gold verursacht." Für ihn wird das Problem erst gelöst, „wenn der Mythos Gold entzaubert wird und die Finanzwelt und die privaten Anleger davon abkommen, große Mengen an Gold im Tresor zu halten und dennoch immer neues Gold zu fördern."
 
Wolfgang Kessler ist Ökonom und Publizist. Er schrieb das Buch "Die Junst, den Kapitalismus zu verändern". 

Lifestyle | Geld & Investment, 01.12.2020
     
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