ZEIT – für neue Gedanken

Ja spinnt der jetzt ­komplett?

Heute habe ich Zeit, die ZEIT zu lesen. Und es ist schön, so viel Zeit zu haben. Dabei habe ich gar keine Zeit, denn dieses, Ihnen jetzt vorliegende Heft muss in 3 Tagen in Druck und es ist noch viel zu tun... Doch ich lasse mir Zeit. Beginne mit der letzten Seite und der Rubrik „Was mein Leben reicher macht". UND ich fühle mich bestärkt in meiner Vermutung: Niemals ist dort von Geld die Rede, sondern von der Natur, von Liebe, Ruhe und Freude...
 
© pixabay, geraltEine Seite weiter: ein großer, ganzseitiger Artikel „Warum so glücklich?", der interessante Einblicke gewährt. Seit März 2017 befragt ZEIT Online seine Leser, wie es ihnen geht. Knapp 3,9 Millionen Menschen haben seitdem geantwortet. Die Stimmung war nahezu immer gleichbleibend. Im Schnitt ging es laut Auswertung der Online-Redaktion „66 Prozent gut, den anderen nicht so", und das ziemlich konstant – bis Corona kam. Ab Mitte März ging es den Leuten plötzlich – nein, nicht schlechter, sondern besser. Mit 74 Prozent erstaunlich gut sogar. Die Leser klickten nicht nur, dass es ihnen gut gehe, sondern erklärten auch, warum: „endlich Zeit für die Familie", „mehr Rücksicht", „Burn-out und Drogensucht beendet", „Zeit für die Sinnfrage" und „raus aus dem Hamsterrad".

 „Wo wollen Sie eigentlich hin?"
 
An dieser Stelle möchte ich beileibe keinen Lobgesang auf Corona anstimmen, sondern eher einen Lobgesang auf den Rhythmus des Lebens – auf wachsen und schrumpfen, auf säen und ernten, auf entstehen und vergehen, auf Sommer und Winter. Ich könnte an dieser Stelle über das Leben philosophieren und Ihnen davon erzählen, was mich mein Garten oder auch das Leben gelehrt haben. Aber als Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazin möchte ich meine Gedanken am Beispiel unseres „Systems" erläutern und nicht nur fragen „was ist systemrelevant?" sondern „was ist systemimmanent?".
 
Ja spinnt der jetzt komplett?
Kennen Sie einen Businessplan, der auf niedrigere Umsätze abzielt? Einen Jahresausblick, der eine Reduktion der Produktion oder der Geschwindigkeit ins Visier nimmt? Eine Strategie für eine Firmenruhepause oder gar einen Lehrstuhl, der zur Unternehmensschrumpfung forscht?

Habe ich jetzt ein „Nein" gehört oder gar einen Aufschrei: „Ja spinnt der jetzt komplett?". Wenn ja, dann sind wir da, wo ich gemeinsam mit Ihnen hin will: ins Neuland des Denkens und Handelns.
 
Wie lautet Ihr Businessplan?
„Ja spinnst Du jetzt komplett?" Das hörte ich des Öfteren, als ich ganz zu Anfang der Krise in einem Beitrag forderte, keine bedingungslosen Wirtschaftshilfen zu verteilen, sondern mit der sofortigen Auszahlung ein Ziel vorzugeben und damit die Zeit des Lockdowns gezielt für die (S)Innovation zu nutzen. (S)Innovation – das „S" steht hier für Sinn und bedeutet „WOHIN soll das Unternehmen steuern, WAS soll es zukünftig WIE produzieren? Mit welchen Partnern und Lieferketten, mit welchen Konsequenzen für Mensch und Umwelt, mit welchem Zukunftsausblick?" Das gilt vom Ein Mann/Frau-Betrieb bis zum internationalen Konzern.

Mein Vorschlag: Statt einfach nur die Zeit zu überbrücken, bis alles wieder so läuft wie vorher, mal in Ruhe und durch die Wirtschaftshilfen staatlich unterstützt darüber nachzudenken „Wo wollen wir mit und nach der Krise eigentlich hin?". In diesem Zusammenhang hatte ich die SDG, die Sustainable Development Goals der vereinten Weltgemeinschaft, der UN, als Koordinatensystem ins Gespräch gebracht und musste feststellen: Sobald ich meine „Blase" verlasse und Unternehmerinnen oder Politiker nach den SDG frage, ernte ich nur ratlose Blicke oder die konkrete Frage „SDG – ist das eine neue Modemarke?".
 
Angst vor der Veränderung
Zurück zur (S)Innovation: Wie also wäre es, die Zeit von Kurzarbeit, Entschleunigung und Homeoffice dafür zu nutzen, mit der Familie, mit Freunden und Kollegen zu diskutieren oder gar zu planen, wie es weitergehen soll, wenn es weitergeht? Wohin man die Firma weiterentwickeln will, wenn man mal wirklich in die Zukunft schaut und die gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen ernst nimmt. Die Antwort aus vielen Gesprächen: Da ist Angst, die Angst vor Veränderung. Die Angst, Neuland zu betreten, denn dieses ist ja unbekannt. Dann lieber so weitermachen wie bisher... Ein Anruf bei Gerald Hüther bestätigte meine These und Gerald meinte lachend: „Ich sitze schon an einem Buch über die Angst...".
 
Same business as usual
Das weckte bei mir in der Zeit, als andere Zukunftsforscher, wie etwa Mathias Horx, orakelten, dass nach der Krise NICHTS mehr so sein werde wie vorher, die Befürchtung, dass nach der Krise ALLES wieder so sein werde wie vorher. Und warum? Weil uns eine neue Richtung fehlt, weil uns Blaupausen fehlen, die uns den Weg in die Zukunft zeigen. Und dann fallen wir ganz automatisch ins alte Handeln zurück, statt neue Wege zu gehen. In Bezug auf die Wirtschaft tauchten entsprechende Schlagzeilen denn auch ganz zügig auf: „Schnell zurück zum Normalbetrieb", „Jetzt Vollgas geben, um wieder aufzuholen", „Kosten senken und Produktion steigern". Und immer wieder die Forderung von Lobbyverbänden nach Unterstützung. Niemals die Frage nach dem Sinn, niemals die Bereitschaft zur wirklichen Veränderung, immer der Wunsch, es möge bald alles wieder so sein wie vorher.
 
Darf's ein bisschen mehr sein...?
Diese Frage kennt man aus der Metzgerei und sie meint: „Sie haben ja wohl nichts dagegen, etwas mehr zu kaufen und zu essen als geplant, oder?". Ich frage dagegen: Darf's ein bisschen weniger sein? Oder darf es auch ein bisschen anders sein...?

Und hier liegt der Weg in die Zukunft: Ja, es darf „ein bisschen anders" sein! Kommen wir zurück zu den Businessplänen und den Wachstumsgraphiken, die sie aus allen Businessplänen kennen. Sie zeigen immer von links unten nach rechts oben. Sie sind IMMER steigend. Warum planen Unternehmen nicht Phasen ein, in denen nicht dem Wachstum oberste Priorität eingeräumt wird, sondern dem gezielten Nachdenken, um dann mit frischer Kraft und neuen Ideen und einem klaren Horizont wieder durchzustarten. Das fehlt in unserer ra(s)tlosen Wirtschaft. Und das können wir von der Natur lernen. Es gibt eine Zeit zu säen, zu pflegen, zu ernten und zu ruhen. Eine Zeit, in der man von den klug eingelagerten Vorräten lebt. Doch wir kennen kein Ruhen und unsere Vorräte sollen selbst in der Ruhepause noch wachsen – so wie das Vermögen auf unseren Konten. Und so führen wir unsere Unternehmen von den besten Phasen oft in den Burn-out. So profitieren wir nicht von unseren technischen Fortschritten für ein ruhigeres Leben, sondern fühlen uns getrieben, gehetzt, im Hamsterrad, das wir selber immer schneller drehen. Ich sage: Es könnte auch anders gehen! Und ich höre: JA ABER.
 
Natürlich geht es...
Seite 5 meiner Zeitungslektüre, ein Hoffnungsschimmer und ein innerer Jubel: Maja Göpel, eine langjährige Wegbegleiterin, hat eine ganze Seite in der ZEIT, prominent, ganz vorne im Bereich „Politik". Und Sie räumt auf mit Vorurteilen und den Glaubenssätzen à la „das war schon immer so". Diese fünf Totschlagargumente gegen den Wandel:
  • Menschen wollen kaufen, und zwar immer mehr,
  • ohne Wachstum ist alles nichts,
  • Globalisierung ist gut,
  • irgendeine Technologie wird uns schon retten,
  • der Markt wird alles regeln
zerschmettert sie auf dem Amboss der neuen Ideen und des Muts. Zu Recht ist sie mit ihrem Buch „Unsere Welt neu denken – eine Einladung" auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Denn: Es gibt sie, die neuen Ideen und Konzepte. Die neuen Erkenntnisse und Produkte. Wir müssen sie nur anwenden. Und so bin ich nach Lektüre von Majas Beitrag glücklich. Glücklich über meinen Beruf, meine Berufung und darüber, dass viele unserer Autoren und Kuratoren schon lange den Weg zeigen. Etwa Ernst Ulrich von Weizsäcker mit seinem Faktor Vier, Prof. Radermacher mit seinem globalen Marshallplan, Claudia Kemfert vom DIW, die berechnet und zeigt, dass die Energiewende möglich ist. Sie alle zeigen Wege auf. Und auch wir zeigen bereits seit mehr als dreißig Jahren: „Es geht auch anders". ECO-World – unser Branchenbuch und Internetportal – hat den Weg bereitet für Bioprodukte und erneuerbare Energien, für sanfte Mobilität und ökologisches Bauen, für Kreislaufwirtschaft und wirklich intelligente Produkte, für ein „Ja, es geht anders!", und unser Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften ermutigt weitere Unternehmen und Entscheider, neue Wege zu gehen.
 
Man muss es nur tun...
Maja, Du hast recht: Natürlich geht es und darum danke ich Dir für Deinen Einsatz im wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung, für Dein neues Buch und für Dein Engagement. Danke allen Freunden und Mitstreitern, die schon lange neue Wege aufzeigen und gehen, für ihren Mut und ihre Geduld. Und ich bleibe bei meinem Vorschlag: Maja Göpel als nächste Bundespräsidentin, denn sie ist dafür die richtige Frau, und neue Wege sind ohne Alternative.

Scientists for Future
Maja Göpel, Ernst Ulrich von Weizsäcker und weitere 26.800 Wissenschaftler melden sich als Scientists for Future (S4F) zu Wort.
Mit dieser Ausgabe starten wir die Zusammenarbeit mit S4F um ihren Aussagen noch mehr Gehör zu verschaffen. 
 
Aktuelle Interviews der genannten Wissenschaftler und die Geschichte der S4F finden Sie hier.
 

Wirtschaft | Verantwortung jetzt!, 10.06.2020
Dieser Artikel ist in forum 02/2020 - die Corona-Sonderausgabe - Einfach zum Nachdenken... und Handeln erschienen.
     
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