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Countdown für Planet B

Leila Dreggers Plädoyer für einen Aufbruch ins utopische Denken. 6 - Schule der Freiheit

Lesen Sie dazu auch in der kommenden Ausgabe von forum Nachhaltig Wirtschaften mit dem Schwerpunkt "Bildung für die Zukunft" unseren Beitrag Future Skills.
Es gibt keinen Planet B, sagt die Klima-Streik-Bewegung. Nein? Dann wird es höchste Zeit, ihn uns auszudenken. Was ist anders in einer Welt, die den Systemwechsel schafft? Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wie viel Veränderung in kurzer Zeit möglich ist. Wir laden ein zu einem Countdown des utopischen Denkens! Alle zwei Wochen stellen wir - ganz unsystematisch - einen Kernfaktor des Systemwechsels vor. Wenn ihr wollt, bleibt es kein Märchen.

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© Sashasan, pixabay.com


- Schule der Freiheit

Die Schulen auf Planet A waren Lernverhinderungsanstalten. Jedes Kind kommt mit einem immensen Lernvermögen zur Welt, mit Neugier, Kreativität und Willen zur Entfaltung. Kurz gesagt mit einer solchen Intelligenz, dass es eines sehr starken und perfiden Systems bedurfte, um sie zu brechen. Die Methoden dafür wandelten sich im Lauf der Zeit. Doch ob Züchtigung, Beschämung, Leistungsdruck, Schüren von Konkurrenz und Angst, zentralisierte Lehrpläne, Autorität, Antiautorität, soziale Isolation, Laissez-Faire oder Zwang zum Stillsitzen: Der Zweck blieb derselbe.

Aber warum? Warum sollte der kindliche Lernwille gebrochen werden? Weil sich frei denkende, wissende, ungebrochene Menschen niemals in das System einordnen würden. Sie würden darüber hinauswachsen und ein neues schaffen. Mit aller Kraft setzt jede neue Generation von Erwachsenen alles dran, genau das zu verhindern. Bis heute. Das Traurige ist: Auch diese Erwachsenen waren einst Kinder, deren Lernwille gebrochen wurde. Aus freien Geistern wurden Untertanen, Soldaten, Konsumenten und Mitläufer, immer und immer wieder.

Ich sage das im Wissen, wie viel Mühe sich die meisten Lehrer geben, mit wie viel Engagement, Aufopferungsbereitschaft und oft auch Liebe sie gestartet sind. Aber auch sie sind Teil eines Systems, und ihre Möglichkeiten werden meist ebenso gebrochen wie die Kinder.

Das menschliche Lernvermögen ist unermesslich... 
wenn der Wille da ist. Authentisches Wollen ist unendlich effektiver als Lernzwang. Mit Lernzwang klettert ein Fisch nicht mal auf einen Baum - wie Einstein schon sagte - aber mit dem richtigen Willen lernt er fliegen. Dieser Wille ist eine Mischung aus Lust und Notwendigkeit. Die Kinder unserer Gemeinschaft besuchten einmal eine Backstube am frühen Morgen. Die dampfenden Backöfen, die starken Männer, die Schweißströme und die frischen Brote machten großen Eindruck auf sie. Sie ließen nicht locker, bis sie mit Hilfe einiger Erwachsener eine eigene Backstube eröffneten, backen lernten, einen ganzen Sommer lang vor allen anderen aufstanden und Brötchen buken, die sie uns verkauften. 

Was Kinder wirklich wissen wollen, das erfahren sie auch - von älteren Kindern oder bewunderten Vorbildern, aus verbotenen Büchern, durch Fragen, Ausprobieren, Anfassen. Was sie wirklich können wollen, das üben sie, Stunde um Stunde, unermüdlich. 

In kürzester Zeit lernten wir alle unsere Muttersprache! Wir saugten jegliche Information auf, ahmten nach, spielten mit Worten, setzten sie immer neu zusammen, machten Fehler, manchmal absichtlich, jauchzten vor Vergnügen und versuchten es neu - bis wir es konnten. Angst vor Versagen? Keine Spur. Leistungsdruck? Wieso denn. 

Wo kämen wir hin, wenn dieser Lernwille weiterginge - bis ins hohe Alter!
Was wir von so genannten Wunderkindern hören - von fünfjährigen Klaviervirtuosen, von jugendlichen Breakdance-Artisten oder 14-jährigen Computergenies - zeigt, was jedem von uns in unserem speziellen Gebiet möglich ist, wenn wir so lernen dürfen, wie es uns entspricht. (Wobei manches Wunderkind eher das Ergebnis von einseitigem Drill ist.)

Schon auf Planet A gibt es immer mehr Schulgründungen, die uns eine Idee davon geben, wie das Lernen auf Planet B sein wird. Wichtig dabei sind vier Dinge: 
  1. Das Horchen auf den eigenen höchst individuellen Lehrplan, präzise in jedem Herzen niedergelegt in Form von Lust und Neugier. 
  2. Kontakt zu Vorbildern, die eine klare Orientierung geben und die Kinder "richtig" fordern. 
  3. Ein lebendiges Umfeld, in dem das Gelernte auch wirklich gebraucht wird. 
  4. Und immer wieder: Das Spiel. 
Denn das müssen wir wissen: Spielen ist nie nur „einfach so". Unser angeborener Spieltrieb ist in Wirklichkeit eine Lernmaschine auf Volltouren. Im Spiel machen Kinder nie zweimal genau dasselbe. Sie probieren dauernd etwas Neues. Ihr Gehirn variiert permanent die Parameter, erweitert die Möglichkeiten, verschiebt Grenzen, wird nie müde... und lernt, lernt, lernt.

Wie sehen die Schulen auf Ihrem Planet B aus? 
Auf „meinem" Planet B ähneln sie der CIEJA* oder „Schule der Freiheit" in einem Slum in Sao Paulo, Brasilien. Die Schule mit mittlerweile 1.800 SchülerInnen zwischen 5 und 89 Jahren wurde von einer streitbaren Lehrerin namens Eda Luiz gegründet, die man strafversetzt hatte. Und zwar in eine Favela mit lauter Analphabeten, Schulverweigerern und Drop-outs. Gemeinsam mit ihnen schuf sie eine Schule nach deren Wünschen: ohne Bankreihen, ohne festgelegten Lehrplan, ohne Noten.

Eda Luiz (rechts) neben der Autorin Leila Dregger © Leila DreggerDona Eda berichtet: „Unsere Schule ist das soziale Zentrum der Favela. Sie ist von 7 Uhr morgens bis 23 Uhr abends offen. Wir servieren täglich 500 Mittagessen und 800 Abendessen, für Schüler und alle Menschen der Favela, die wollen. Wir haben 92 feste Angestellte, darunter Lehrer, Köche, Fahrer, Putzhilfen, Verwaltungskräfte und ein Heer von Freiwilligen. Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch lernen will. Wenn wir Schüler aufnehmen, führen wir mit ihnen ein erstes Aufnahmegespräch. Nicht um zu prüfen, was sie nicht wissen. Sondern wir wollen herausfinden, was sie bereits wissen, was sie lernen wollen und wie sie es lernen wollen. Diejenigen auf einem ähnlichen Wissensstand bilden zusammen eine Gruppe. Jedes Jahr formen sich so etwa 80 Gruppen von 10 bis 20 Schülern aus verschiedenen Altersstufen und mit verschiedenen Begabungen. Wir nehmen alle auf. 

Am Anfang jedes Schuljahres gibt es eine Versammlung, auf der das Hauptthema des Jahres gewählt wird. Es muss ein Thema sein, das der umliegenden Gemeinschaft hilft. Denn alle wollen Dinge lernen, die wirklich gebraucht werden. Dieses Jahr wählten die Schüler das Thema „Gesundheit". Die Gruppen erarbeiten jeweils ein spezifisches Problem und entsprechende Fragen. Die Lehrer erstellen daraus ein Curriculum, das all diese Fragestellungen behandelt. So arbeiten Schüler und Lehrer zusammen. Der Lehrer hat bei uns eher die Funktion eines Moderators, der den Lerngruppen zeigt, wie und wo sie sich das Wissen selbst erarbeiten können. Zusätzlich gibt es viele Angebote, wie Tanz, Taekwondo, Sport, Kosmetik, Capoeira, Musik, Theater und vieles mehr. Alles ist Teil ihrer Ausbildung, jeder kann darin Schüler oder Lehrer sein."

Inzwischen ist die CIEJA in Brasilien zum Modell für die die Ausbildung von Schulverweigerern, Straßenkindern und Bildungsfernen geworden. Viele ehemalige Drogenabhängige konnten durch die Schule ihr Leben verändern und sind ihrerseits zu Helfern geworden, machen Schulabschlüsse und gehen später zur Universität.

Eines kann ich aus Erfahrung sagen: Wer solche Menschen erlebt hat - Kinder, die ihrem Lerndrang folgen können, die Verantwortung und Freiheit kennengelernt haben, die spielen und gleichzeitig echte „Disziplin" üben (im Sinne von Ausdauer des Wissen-Wollens) - der kriegt wieder Lust auf Zukunft.
 
Leila Dregger ist Diplom-Agraringenieurin und langjährige Journalistin. Mit den Schwerpunktthemen Frieden, Ökologie, Gemeinschaft, Frauen arbeitet sie seit 25 Jahren für Presse und Rundfunk sowie als Drehbuchautorin und Regisseurin für Theater und Film. Sie war Herausgeberin der Zeitschrift „Die weibliche Stimme – für eine Politik des Herzens", Pressesprecherin des Hauses der Demokratie in Berlin und lebt heute überwiegend in Tamera in Portugal. 
www.tamera.org

*Der offizielle Name der Schule ist: Centro Integrado de Educação de Jovens e Adultos CIEJA, in Campo Limpo, São Paulo.

Gesellschaft | Bildung, 03.08.2020
     
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