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Integrität und Kompass finden

forum-Interview mit Wissenschaftlerin Maja Göpel von der Bewegung "Scientists for Future"

Die Wissenschaft war noch nie so präsent in den Medien und so bestimmend für das Handeln unserer Politik, wie in der Corona-Krise. Umso mehr ist es ein wichtiges Signal, dass sich eine breite Bewegung von Wissenschaftlern als „Scientists for Future" (S4F) zusammengetan hat, um auf drohende Gefahren – zum Beispiel durch den Klimawandel - hinzuweisen. 
 
forum bietet deshalb den Wissenschaftlern von S4F eine Plattform, um Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Medien zu adressieren. Den Auftakt bildet ein Interview von Florian Kobler mit der Wissenschaftlerin Maja Göpel.

Frau Göpel, die Corona-Pandemie ist eine umfassende Herausforderung für die ganze Menschheit, der nur mit klugem, globalem Zusammenspiel vieler wissenschaftlichen Disziplinen, dem Beitrag aller gesellschaftlichen Akteure und transparentem, effektivem politischem Handeln erfolgreich begegnet werden kann – wie sehen Sie die Funktion der Wissenschaft in einer zunehmend komplexen Welt? 
Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zum Thema Nachhaltigkeitstransformationen mit einem Schwerpunkt auf Wissenschaftskommunikation. © Kai MüllerWir haben ja mit Scientists for Future genau das schon probiert, was wir jetzt mit Professor Drosten und anderen Virologen täglich live erleben. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden viel direkter, öfter und detaillierter in die Gesellschaft kommuniziert. Wenn jetzt alle Welt gelernt hat, wie komplexe Systemdynamiken funktionieren durch „Flatten the Curve", dann haben wir eigentlich einen Riesenschritt gemacht, denn „Flatten the Curve" gibt es im Klimawandel eben auch – nur, dass dort das Zusammenspiel zwischen Handeln und Folgewirkung noch weniger direkt oder zeitnah ist.
 
Aber dass man möglichst frühzeitig handeln muss, damit die Absorptionsfähigkeit eines Systems groß genug ist, um den Ausbruch aufzunehmen, das ist ja genau auch die Ausgangslage beim CO2: Also wie schaffen wir das, möglichst frühzeitig die Verbreitung der Infektion einzuhegen, sprich die zu hohen CO2-Werte, die wir freisetzen, so dass Freisetzung und Absorption oder Speicherung ausgeglichen bleiben. Sonst droht die Atmosphäre aus der Balance zu kippen, wie das eben gerade auch dem Gesundheitssystem droht. Neben Vermeidung braucht es auch Anpassung: Die Krankenhausbetten zu erhöhen, die Atmungsgeräte zu erhöhen, etc. wäre beim CO2 die Senken zu erhöhen. Also Stärkung und Schutz der Ökosysteme oder technische Lösungen dafür. Allein diese systemische Denkweise zu eröffnen bietet eine Chance. Denn das ist es ja, was die Wissenschaft zur Risikoreduktion beitragen kann, diese Vorausschau anbieten, damit wir nicht erst in dem Moment anfangen zu handeln, wenn eigentlich der Drops gelutscht ist – oder um im Bild zu bleiben, wenn ein Ausbruch wie beim Virus in der Lombardei bereits erfolgt ist.

Sie sehen also die Rolle der Wissenschaftler auch nach wie vor in der fachlichen Expertise und dem Debattenbeitrag und nicht so sehr als Aktivisten auf der Straße – wenn man bedenkt, dass die Wissenschaft ja seit Jahrzehnten darauf hinweist, aber im Grunde bei politischen Entscheidern wenig durchgedrungen ist, weil deren Horizont in der Regel nur die laufende Legislaturperiode abdeckt?
Mehr Impulse zum Thema "Nachhaltig aus der Krise" lesen Sie in unserem Sonderheft forum Nachhaltig Wirtschaften 2/2020.
Wissenschaft ist natürlich nicht Aktivismus. Aber auf der Straße sprechen ist Teil dessen, was wir viel stärker gemacht haben und auch zu sagen, „jetzt muss was passieren". In der Regel sollte die Wissenschaft ja immer stärker in Optionen argumentieren und sagen, „das wäre eine Möglichkeit und jenes eine Möglichkeit", und ein Stück weit haben wir das ja jetzt auch, dass natürlich gesagt wird, man kann den Lockdown vielleicht so oder so und den Exit so versuchen – also das adaptive Management durch eine wissenschaftliche Begleitung. Aber im Bereich Klima gab es natürlich überhaupt gar keine vergleichbare Akzeptanz des Risikos auf Seiten der Politik und der Gesellschaft. Aber nur mit dieser hast du als Wissenschaftlerin natürlich Möglichkeiten, gemeinsam an dieser Lösungssuche zu arbeiten, wenn erstmal der Vertrauensvorschuss geliefert wurde: Die bemühen sich, für uns alle die besten Lösungen, den besten Weg herauszufinden. Dieses Vertrauen in die Kooperation zwischen Wissenschaft und Politik und die Unterstützung in der Umsetzung durch Initiativen aus der Gesellschaft, das wäre ja genau der Wunsch, dass wir so auch mit der Klimaproblematik umgehen. Im Endeffekt natürlich auch nicht nur mit dem Klima, sondern auch mit der Regeneration unserer Böden, der Biodiversität etc. 

Haben wir Menschen womöglich zu wenig echtes Selbstwertgefühl, zu wenig Gespür für den Zusammenhang allen Lebens auf diesem wunderschönen Planeten, um uns gemeinsam gegen Gefahren zu wappnen, die uns nicht unmittelbar in unserer körperlichen Unversehrtheit bedrohen? 
Wir haben uns ja zumindest im modernen Weltbild alle Mühe gegeben, das zu vergessen, also auch die Frage nach der Vergänglichkeit und dem Tod. Wie unfähig wir aktuell sind, das Thema Tod in dieser Pandemie öffentlich anzuschauen. Es muss verhindert werden, dass jemand vor dem Moment stirbt, an dem es medizinisch nicht mehr aufzuhalten ist. Ohne groß nachzufragen, wie Menschen die Übergänge gestalten möchten und zu welchem Zeitpunkt und in welcher Form. Ich finde das bezeichnend, dass jetzt in dieser Phase vielerorts Patientenverfügungen nach oben gegangen sind. Und dann haben wir natürlich ein sehr individualistisches Weltbild gebaut, auch in der Art, wie wir zum Beispiel Natur anschauen. Wir gucken das Individuum an, und wir gucken einzelne Elemente an: ein Stück Holz, ein Stück Ressource, ein Stück Erz. Aber alles, was wir eben nicht anschauen, sind genau diese Lebensnetze, in die all diese Elemente eingebettet sind. 
 
Und auch die Gründung der Vereinten Nationen nach den Weltkriegen geschah ja ganz stark aus dieser Motivation heraus, z.B. eine Menschenrechtscharta zu formulieren, die systemische Bedingungen schafft, unter denen Krieg unwahrscheinlich wird. Und wir haben zum ersten Mal mit einer globalen Agenda wirklich „Menschheit" als eine Einheit gedacht. Vorher waren die Einheiten des „Wir" eben nicht global. Wir tun uns immer noch nicht ganz leicht damit, und das bleibt sicherlich eine der ganz großen Herausforderungen. 

Überkommt Sie als gelernte Polit-Ökonomin keine Angst, ein bewährtes Wirtschaftssystem komplett in Frage zu stellen, das historisch betrachtet die Menschheit – bei aller Ungleichheit und Ausbeutung – insgesamt auf ein nie dagewesenes Wohlstandsniveau gehoben hat? 
In Sorge um die Zukunft
Die Scientists for Future sind ein Zusammenschluss von knapp 27.000 Wissenschaftlern aller Disziplinen, die sich 2019 mit einer weit beachteten Stellungnahme hinter den Protestierenden des von Greta Thunberg initiierten globalen Klimastreiks versammelten: „Die Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen sind berechtigt". 

Für die Zukunft sorgen
Eine faktenbasierte Beschäftigung mit dem Klimawandel ist dabei das erklärte Ziel. S4F leistet einen Beitrag für den Übergang in eine klimafreundliche Gesellschaft mit Veranstaltungen, der Bereitstellung von Informationsmaterial und öffentlichen Verlautbarungen.  Jenseits der rein wissenschaftlichen Foren berät S4F beispielsweise die Politik bei zentralen Fragen wie Gestaltungsoptionen für CO2-Bepreisung.

Am globalen Klima-Aktionstag am 20. September 2019, dem größten Klimastreik der Geschichte mit weltweit 7,6 Millionen Menschen, beteiligte sich S4F unter anderem mit einem Video „Aufruf an die Politik". Bereits im Oktober 2019 wurden Dr. Gregor Hagedorn und Scientists for Future mit dem Bundespreis Nachhaltigkeit ausgezeichnet. S4F kooperiert mit forum Nachhaltig Wirtschaften, um herausragende Forscher aus dem Netzwerk zu porträtieren, die positive Denkanstöße für die zukünftige Transformation geben und vorleben.
Hmm, ja, aber der Umkehrschluss ist ja nicht besser: Was passiert, wenn wir so weitermachen? Und das könnte auch eine ganz wichtige Lehre aus den unterschiedlichen Länderstrategien in der Corona-Krise sein. Boris Johnson oder Donald Trump, die erst gesagt haben „okay, wird blöd, aber müssen wir durch" haben ja schön vor Augen geführt, dass keine Veränderungen vorzunehmen im Zweifel trotzdem extreme Veränderungen bewirkt. Und das heißt auf die Umwelt bezogen, dass ein Fortschreiben von dem, an das wir uns heute gewöhnt haben, auch zu Transformationen führen wird. Wir haben nur die Chance, zu beeinflussen, in welche Richtung die Transformation gehen soll – so tun, als könnte alles mittelfristig so bleiben, kann man nur, wenn man wichtige Zahlen ignoriert. Schauen wir ehrlich hin, können wir aber viele Sachen schlicht auch anders machen – und da passiert doch einiges!

Wie gehen Sie dann persönlich mit Ängsten um, ganz konkreten in einer Krise wie der jetzigen Pandemie, wenn die Erkenntnis ist, dass Wandel, der ja immer mit Unsicherheit einhergeht, nicht nur unabwendbar ist, sondern auch notwendig und dass er in gewissen Situationen sogar gewinnbringend sein kann? 
Also das klingt jetzt ein bisschen morbide – aber in einer Zeit, in der ich selber psychisch nicht besonders stabil war, da hat mich persönlich wirklich John Maynard Keynes besänftigt mit seinem Spruch „…in the long run, we’re all dead." Also meine eigene Sterblichkeit und Verletzlichkeit anzunehmen und zu sagen „es geht doch darum, in der Zeit, die mir gegeben ist, so viel von dem einzubringen und beizutragen, wie ich kann." Die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass alles tatsächlich so wird, wie wir es wünschen, da machen wir uns fertig. Die Buddhisten verweisen dabei auf das Konzept „Bedingtes Entstehen". Also es sind viele, viele Faktoren, die mit verantwortlich sind dafür, was tatsächlich passiert. Verantwortung übernehmen kann ich für meine Intention, aber nicht das Ergebnis. Also Integrität und Kompass finden und dann sehen, was passiert. Auch hier der Umkehrschluss: Wenn ich diesen Beitrag nicht einbringe, kann das größere Bild ihn auch nicht in sich tragen.

Vielleicht ist genau auch diese Verletzbarkeit erst die Grundlage für wirkliches Handeln und nicht Verharren im Trauma. Ist da möglicherweise die Jugend heute den vorhergegangenen Generationen auch ein Stück voraus, wenn man an Fridays for Future denkt?
Ich schaue ja nicht in die Köpfe, deshalb glaube ich, das ist schwierig, Generationen zu vergleichen. Aber was mich einfach total begeistert bei der Energie (der Fridays), ist, dass die wertkonservativ ist und strukturkreativ – und gerade das brauchen wir ja. Die ganze Nachhaltigkeitsagenda ist ja eine Reaktion darauf, dass wir verstanden haben: Das, was wir tun, transformiert unsere Welt radikal und nicht zum Positiven. Und da zu sagen, okay, gebt uns neue Rahmenbedingungen, Hauptsache wir kriegen jetzt mal die Verbindlichkeiten, um den Kurs zu ändern, und dann finden wir schon die Lösungen. Das ist für mich im Moment der Generationengap. Die ältere Generation hingegen ist oft strukturkonservativ, sie hat etwas aufgebaut, ihre Identität damit verankert, ihr Einkommen, etc. Einige sind sehr kreativ darin, sich mit interessanten Weltanschauungen zurechtzulegen, dass das auch ihren deklarierten Werten entspricht. Wenn ich Liberalismus ausspreche und dann der politischen Freiheit aber keine Verantwortungsübernahme gegenüberstelle, dann ist das eher Ignoranz, die in der Regel Privilegierten vorbehalten ist. Oder dass immer vor Verzicht und Grenzen gewarnt wird. Corona zeigt doch gerade, dass viele Menschen sehr kreativ werden, gerade weil nicht mehr alles möglich ist. Also wann entsteht die Bereitschaft in uns, Verantwortung zu übernehmen, das ist doch die ganz, ganz spannende Frage. Je mehr wir das entdecken, umso besser können wir auch die anderen Krisen anpacken.

Wie sprechen Sie mit Ihren Töchtern über die Herausforderungen der kommenden grünen Transformation, gibt es so etwas wie ein Familienleitbild, wie Ihr Leben 2030 aussehen wird?
Wir sprechen darüber, welche Handlungen die Umwelt schädigen und schützen und welche freundlich und gerecht sind, und Tiere sind natürlich ein ganz wichtiges Thema. Aber große Bilder und langfristige Visionen sind für kleine Kinder aus meiner Sicht kein hilfreiches Mittel. Ein Leben voller Liebe ist zu jedem Zeitpunkt ein gutes Leitbild.

Frau Göpel, wir danken für das Gespräch und freuen uns auf die Zusammenarbeit.

Maja Göpel ist Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Sie arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zum Thema Nachhaltigkeitstransformationen mit einem Schwerpunkt auf Wissenschaftskommunikation. Sie war sechs Jahre als Direktorin Future Justice beim World Future Council in Hamburg und Brüssel tätig, hat dort die Interessen zukünftiger Generationen in EU- und UN-Prozessen vertreten und den Future Policy Award initiiert. Maja Göpel ist Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Mitglied des Club of Rome, des World Future Council und der Balaton Group sowie Fellow beim Progressiven Zentrum. Als Beirätin unterstützt sie mehrere Stiftungen und Projekte und ist eine der Initiatorinnen der Scientists for Future. 

Wirtschaft | Verantwortung jetzt!, 01.07.2020
     
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