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Flucht oder Neubeginn...

Sieg über Korruption und Klimawandel in Spanien

Wer denkt, Flucht sei nur ein Problem außerhalb Europas, irrt. Auch auf unserem Kontinent finden ­massive Migrationsbewegungen statt – mit oft fatalen Folgen für Gesellschaft und Umwelt. Doch 
junge, innovative Menschen wenden das Blatt. Eine Reise der Hoffnung nach Südostspanien.

Kompostworkshop auf der Finca eines AlVelAl-Mitglieds: Die natür­liche Anreicherung des Bodens trägt Früchte. ©Dietmar RothIst Ihnen aufgefallen, wie viele Spanier man in Berlin, Hamburg oder München trifft? Kein Wunder – denn diese Menschen „fliehen" von Spanien in andere europäische Länder, unter anderem auch nach Deutschland. 45.000 vor allem junge Menschen fanden während der Wirtschaftskrise in Deutschland eine neue Heimat. Die große Mehrzahl verfügt über ein abgeschlossenes Universitätsstudium und zahlreiche Zusatzqualifikationen. Ein weiteres Problem im Süden Spaniens ist– exemplarisch für andere Länder Europas – die Landflucht. So ist z.B. in der Region Los Vélez in den letzten 100 Jahren die Bevölkerung um 50 Prozent zurückgegangen. Das Beispiel des Städtchens Vélez Blanco ist sogar noch dramatischer: Waren es 1950 noch 8.000 Einwohner, sind es heute nur noch rund 1.900. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist groß (ca. 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit) und sehr komplex. Kurzzeitverträge und eine sehr schlechte Bezahlung machten einen Großteil der Arbeitsangebote in den vergangenen Jahren zu sehr prekären Jobs. Ein Problem ist auch die schlechte Qualifizierung vieler, vor allem junger Männer, die während des Baubooms in den 2000er-Jahren ohne Schulabschluss in die Baubranche gingen, dort viel Geld verdienten und mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 arbeitslos wurden.

Sengende Hitze liegt über dem Land
Auch in der Landwirtschaft verbreitet sich Hoffnungslosigkeit, denn steigende Temperaturen und eine immer stärkere Wassernot machen den Bauern in der ohnehin sehr trockenen Region zu schaffen. Die Region Murcia gehört zu den trockensten Gebieten Europas (etwa 300 Sonnentage/Jahr) und befindet sich deshalb im andauernden Status der Wasserknappheit. Die Temperaturen steigen im Sommer häufig über 40 °C. Der Klimawandel ist hier besonders deutlich zu spüren. Der durchschnittliche Niederschlag pro Jahr fiel in der Gegend in den letzten Jahren von 320 auf 200 mm im Jahr 2016. Mit zum Teil starken regionalen Unterschieden, so dass nur wenige Kilometer voneinander entfernt Sturzbäche innerhalb weniger Stunden eine Flut hervorrufen oder an anderer Stelle der Regen sogar ganzjährig ausfallen kann. Starkregen auf der einen und Wind auf der anderen Seite tragen auf diese Weise bis zu 70 Tonnen Erde pro Hektar im Jahr ab. Unter diesen Umständen wird die Landwirtschaft immer schwieriger. Kein Wunder, dass man das Heil in der exzessiven Bewässerung sucht, mit der Folge, dass viele noch vor Jahren sprudelnde Quellen versiegt sind. Die Quellen der Ribera de los Molinos, die in den 1960er-Jahren noch mit 180 Litern pro Sekunde sprudelten, bringen es heute noch auf 35 bis 42 Liter. Dies ist auch abhängig davon, wieviel Hektar Salat und Brokkoli von „den Großunternehmen" angebaut werden. Diese haben das Kapital – zum Teil illegale – Tiefbrunnen zu bohren und Wasser zu fördern. Sie bauen dann an dieser Stelle auf riesigen Flächen Brokkoli und Salat an – natürlich mit dem entsprechendem Dünger- und Pestizideinsatz, der für so eine Monokultur erforderlich ist.

Bis eine Anzeige und deren Bearbeitung durch die Behörden erfolgt, ist die gesamte Gemüse-Anlage oft schon weitergezogen. Oder man zahlt die meist geringe Strafe, baut noch einmal großflächig Gemüse an und zieht dann weiter. Das alles geht sehr schnell. Es mutet fast gespenstisch an, wenn in der ausgedörrten Gegend, in der es seit 2 Jahren nicht geregnet hat, plötzlich ein riesengroßes, sattgrünes Salatfeld im Blickfeld auftaucht, vor dem bereits weiße, ­unbeschriftete Sattelschlepper auf ihre Salatladung warten, um diese dann den Konsumenten im Norden zu bringen. Nahrungsmittel in Fließbandproduktion: Die Hinterlassenschaft sind ausge­laugte Böden, Restbestände von Pestiziden sowie ein gesunkener Grundwasserspiegel.

Doch das ist nicht alles: Im Tourismus setzt die Provinz Murcia derzeit fatalerweise verstärkt auf den Golfsport. Geplant sind 63 Golfplätze, die gerade durch die Lage in einer Halbwüste und die ständige Wasserknappheit als ökologisch bedenklich eingestuft werden

Gewinn für die Schweine
Pflanzung mit dem Cocoon-System: Landwirtschaftsschüler und das Zentrum für Klimawandelforschung packen an. © Dietmar RothEine weitere Bedrohung sind riesige Schweinezuchtbetriebe mit 35-80.000 Schweinen, die dort gegenwärtig entstehen. Mit ihrem hohen Wasserbedarf und Gülleaufkommen bedrohen diese die Umwelt in der Umgebung akut. Neue Arbeitsplätze durch diese Schweineindustrie: Fehlanzeige. Vollautomatisation ist in diesen Fabriken das Stichwort und auch beim Gemüseanbau helfen, wenn überhaupt, billige Arbeitskräfte aus Nordafrika – meist Schwarzarbeiter aus Algerien oder Marokko. Der schnelle Gewinn für einige wenige, die Gier der Konzerne, verbunden mit Klimawandel und Bodenzerstörung, bedeutet den langsamen Tod einer ganzen Region. Ein weiteres Zögern würde bedeuten, den Zug zur Resilienz zu verpassen…

Aber die Bürger organisieren sich, leisten zunehmenden Widerstand und haben damit erste Erfolge. Die Staatsanwaltschaft und die Guardia Civil ermitteln und handeln nun schneller, und sogar der Ombudsmann Andalusiens fordert den Wasserverband des Flusses Guadalquivir zur Herausgabe von Dokumenten auf. Sie aber brauchen Unterstützung von außen. Zahlreiche dieser Landschaft und Zukunft zerstörenden Produkte landen nicht nur in spanischen, sondern auch in mittel- und nordeuropäischen Supermärkten. Der Kunde kann dort durch bewusste Kaufentscheidungen für fair und umweltbewusst produzierte Produkte deren Nachfrage stärken. Eine unabhängige, engagierte Presse sollte über die verbrecherischen Zusammenhänge aufklären und für transparente Informationen sorgen.

Die Rückkehr der Hoffnung
Die innovativsten und risikofreudigsten Menschen der besuchten Gegend im Nordosten Andalusiens und Nordwesten der Region Murcia sind bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren nach Katalonien, Frankreich, Deutschland und in die Schweiz ausgewandert – ihre Dynamik für die regionale Entwicklung fehlt seither. Doch wie in anderen Gebieten am Mittelmeer sind es nun oftmals die ehemaligen Arbeitsmigranten, die in ihre alte Heimat investieren oder gar mit frischen Ideen zurückkehren, sich selbstständig machen und Geschäfte eröffnen bzw. Unternehmen gründen. Auch zahlreiche zugezogene Nord- und Mitteleuropäer sowie aus spanischen Ballungszentren auf das Land gezogene Menschen dynamisieren als „Neorurales" das Landschaftsbild. Wenn sie sich mit den Menschen zusammentun, die vor Ort bereits neue Wege beschritten haben, dann kann wirklich Neues entstehen. Wir wollen dies am Beispiel der Landwirtschaft beschreiben. In der von mir besuchten Region werden hauptsächlich Getreide, Wein, Oliven, Heil- und Würzkräuter sowie Honig hergestellt bzw. die sehr wohlschmeckenden Segura-Lämmer gezüchtet: Die Qualität des Bodens ist damit das zentrale Element in dieser mehr als 10.000 km2 großen Gegend. Er wurde jahrelang durch die konventionelle Landwirtschaft ausgezehrt, ist das Opfer massiver Erosion und stark degradiert. Ihn gilt es zu sichern und zu neuem Leben zu erwecken: Nur ein gesunder Boden führt zu besseren Ernten und hilft die Wasserrückhaltefähigkeit zu steigern. Das ist in dieser extrem trockenen Zone höchstes Gebot für einen Neuanfang.

Und da gibt es einen Vorreiter: Arsenio Oliver. Während andere Bauern über versiegende Wasserquellen lamentieren, produziert er ohne künstliche Bewässerung Mandeln in exzellenter Bio-Qualität bei hohem Ertrag. Arsenios Erfolgsgeheimnis: eine nachhaltige Verbesserung der Bodenqualität durch Kompost, bodendeckende Pflanzen, Mischkultur und eine Bodenbearbeitung, die den Landschaftskonturen angepasst ist. So fließt Regenwasser langsamer ab und kann besser im Boden versickern und somit das Grundwasserniveau erhöhen.

Und Arsenio hat bereits Nachahmer gefunden: Diese Region erzeugt heute auf mehr als 100.000 Hektar Mandeln, davon die Hälfte ökologisch und nur durch Regen bewässert , während in Westandalusien und im kalifornischen „San Joaquin Valley" 5 bis 6 Millionen Liter Wasser pro Hektar eingesetzt werden, um hohe Qualitäten und Mengen realisieren zu können. Doch Kalifornien leidet in jüngster Zeit zunehmend unter Wassernot und muss enorme Ernteeinbußen hinnehmen. Dies bei gleichzeitig steigender Nachfrage nach dieser nährstoffreichen Frucht, sowohl als Nahrungsmittel als auch als Kosmetikum. Folglich profitiert Arsenio davon, dass Preise für Mandeln höchster Qualität steigen. Zusätzlich produziert er mit sehr geringen Kosten, denn er verzichtet auf Mineraldünger, chemischen Pflanzenschutz, intensive mechanische Bodenbearbeitung und Bewässerung und erreicht damit Gewinne, von denen konventionelle Mandelbauern nur träumen können. Seine jahrelangen Experimente um die Gesundung des Bodens tragen nun im wahrsten Sinne des Wortes Früchte.

Gemeinsam stark
Erstes Mandelfest im Weiler Los Laneros 2016: Die Gegend ist berühmt für ihre kulinarischen Spezialitäten. ©Dietmar RothAber es braucht noch mehr als innovative Bauern und eine Restauration der Böden, um eine der unterentwickelsten Gegenden Spaniens neu zu beleben: Eine Gemeinschaft von Menschen mit dem Willen zur Gestaltung der eigenen Zukunft. Menschen mit der Bereitschaft, Traditionen zu bewahren und gleichzeitig Neues zu versuchen. Menschen, die über ihren Tellerrand hinaussehen und Schritt für Schritt in neuen Projekten experimentieren. So wie Cristóbal Aránega. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, die fortschrittlichsten Querdenker um sich zu scharen und mit ihnen Vorbild zu werden für die Umstellung auf eine naturnahe, nachhaltige und wirtschaftlich erfolgreiche Landwirtschaft. Er will damit die verbliebenen Bauern der Gegend aus der eher subventionsorientierten und etwas lethargischen Mentalität zu neuem Selbstwertgefühl erfolgreicher Landwirte führen.

Christobals Vision war der Auslöser der Initiative AlVelAl, deren Name aus den Anfangssilben der ursprünglich drei Distrikte Almanzora, Vélez und Altiplano de Granada gebildet wurde. AlVelAl startete als Netzwerk und bringt seitdem immer mehr weitsichtige und innovationsfreudige Menschen in Verbindung und bewahrte so auch schon einige von ihnen vor dem Abwandern. Ende 2014 entstand eine gemeinsam erarbeitete Vision für das Territorium mit einem Zeithorizont von 20 Jahren. Seitdem wird aktiv an der Veränderung der Region gearbeitet und sogar der andalusische Landwirtschaftsminister Rodrigo Sánchez hat sich persönlich mit Vertretern von AlVelAl getroffen.

Begeistert haben sich der Initiative seitdem immer mehr Vordenker angeschlossen, wie etwa Santi Sánchez, die Herrin über eine große Schaf- und Ziegenherde. Santi experimentiert nun mit der verfügbaren Milch und produziert selbst wieder leckere Milch- und Käsespezialitäten nach traditionellem Verfahren. Darüber hinaus engagiert sie sich in der Wiederaufforstung des staubtrockenen Gebietes und entwickelt gemeinsam mit Freunden ein touristisches Angebot rund um das Jahrtausende alte Schäferleben und das reiche Kulturerbe.

Für ihr Engagement zur Entwicklung des ländlichen Raums erhielt sie 2015 den „Nationalpreis für Innovation durch Frauen". Doch nicht nur starke Frauen wir Santi oder ihre Freundin, die Unternehmerin Carmen Román haben der Hoffnungslosigkeit den Kampf angesagt.

Tatkräftige junge Leute wie etwa Francisco Raya, ein Extremsportler, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Mandeln auch in der allertrockensten Gegend ohne Bewässerung anzubauen und einen chemiefreien Wein in handgehauenen Felsenkellern zu keltern. Er wird unterstützt von Schwester und Mutter, die in ihren Küchen feinste Leckereien zaubern und gegenwärtig eine kleine Manufaktur für Delikatessen aufbauen – basierend auf den Rezepten der Großmutter. Oder Alfonso Chico de Guzmán, ein attraktiver junger Mann aus bestem Hause, dessen Familie mehr als 1.200 Hektar Land besitzt. Er studierte an der Northeastern University von Massachusetts Business und Entrepreneurship. Doch statt in multinationalen Beratungsunternehmen zu arbeiten, krempelt er die Ärmel hoch und kehrt auf die Güter seiner Familie auf dem Land zurück. Er ist tatkräftig dabei, die verfallenen Gebäude wieder aufzubauen und das verödete Land zu revitalisieren. Natürlich schütteln die alteingesessenen Einwohner nur den Kopf über den „jungen Spinner", aber nachdem innerhalb weniger Jahre mehrere Gebäude einer aufgelassenen Siedlung saniert, Regenrückhaltebecken angelegt und Bodenstärkungsmaßnahmen erfolgreich eingeleitet sind, beginnt man aufmerksam zu werden. Denn er wirtschaftet sehr erfolgreich mit diesen Maßnahmen und experimentiert unerschrocken weiter in Hinblick auf neue Anbautechniken oder die Aussaat spezieller Getreidesorten. Und nachdem er junge Menschen aus aller Herren Ländern anzieht, die gemeinsam mit ihm an seinem Projekt arbeiten, geht die Arbeit immer schneller von statten. An seiner Seite sieht man häufige eine lebensfrohe Holländerin, die dort eigentlich nur eine Masterarbeit über das Projekt schreiben wollte, nun aber nicht mehr loskommt von Land und Leuten und wohl auch von dem attraktiven Sturschädel, der sich in das Land seiner Vorfahren verliebt hat.

Mit der Jugend kommt die Hoffnung zurück
In Guzmans Dorf treffe ich auch einen jungen Mann aus Los Angeles, der gerade mit den Kollegen von der Feldarbeit zurückkommt und uns das gemeinsam restaurierte Haus zeigt. Er ist begeistert von der Vorstellung, den kargen Boden zu neuem Leben zu erwecken und Jahrhunderte alte Kultur, die in hier umgibt, hat es ihm besonders angetan. Seit Mitte diesen Jahres wird auf Initiative des ehemaligen CNN-Kamaramanns John D. Liu das weltweit erste Camp für die Restaurierung von Ökosystemen aufgebaut, in dem Freiwillige aus der ganzen Welt bei der Landschaftssanierung mithelfen, so z.B. bei der Pflanzung von 50.000 Bäumen oder der Schaffung neuer Biodiversitätszonen, zu der die deutsche Ecosia-Stiftung Mittel bereitstellt.

Und Alfonso, Santi, Cristóbal, Francisco und viele mehr geben ihr Wissen weiter, veranstalten Agrocafé-Gesprächsrunden, bieten praktische Weiterbildung an, besuchen Fincas, um konkret Hilfe zu leisten. Die von der örtlichen Bevölkerung getragene Intitiative hat Aufmerksamkeit auch außerhalb Andalusiens geweckt: Die Generaldirektorin für ländliche Entwicklung und der Vizegeneraldirektor für Natur der Autonomen Region Valencia, die verantwortlichen Direktoren der beiden prestigeträchtigsten Masterstudiengänge im Bereich ökologische Landschaftsrestaurierung, zahlreiche internationale Experten wie der Direktor des IFOAM André Leu und Professoren der Universitäten Utrecht, Wageningen, FU Berlin und weiterer Institutionen haben dieses Novum besucht und das spanische Fernsehen hat gar einen 45 Minuten-Beitrag gedreht.

Kultur als Wurzel der Bewegung
Und damit sind wir bei einem weiteren Protagonisten unserer Geschichte von Querköpfen, die eine sterbende Gegend zu neuem Glanz führen wollen. AlVelAl möchte nämlich nicht nur den Boden und damit eine naturverträgliche Landwirtschaft und Nahrungsmittelherstellung fördern, sondern auch die Rückbesinnung auf alte Werte und die Jahrtausende alte Kultur. Dietmar Roth, ein Deutscher, der seit 1994 in der Gegend lebt und an der Universität Almería in Geschichte promoviert hat, ist als erster Ausländer Präsident eines spanischen Naturparks: Sierra María-Los Vélez. Er zeigt uns begeistert die archäologischen Überreste und Fundstätten, die von den Fragmenten des ältesten Menschen Westeuropas, des „Hombre de Orce" (1,4 Mio. Jahre), über die alt- und jungsteinzeitlichen Höhlenmalereien (UNESCO-Welterbe) bis hin zum größten Hünengräberfeld Europas bei Gorafe (253 Hünengräber) reichen. Aber auch der Geopark Guadix-Baza (Antrag UNESCO-Welterbe), die iberische Kultur (Skulpturen der Damen von Baza und Galera), das römische Erbe, die arabischen Bewässerungssysteme und die landwirtschaftlichen Anbaukulturen bieten vielfältigen Stoff für einen nachhaltigen Natur- und Kulturtourismus.

Wie viel einzelne Menschen mit ihrem Engagement bewegen können, zeigte mir auch der örtliche Archäologe José Manuel Guillén, der schon als Junge begann, eine bronzezeitliche Siedlung freizulegen und nun ein kleines, didaktisch sehr schön angelegtes Museum in seinem Heimatort Galera aufgebaut hat. Im Kontrast zu dieser von mehreren Bürgern getragenen Ausgrabungs- und Museumsinitiative steht das mit EU-Mitteln gebaute, überdimensionierte Museumsgebäude im Nachbarort Orce, wo sich paläontologische Funde und eben auch die Reste des „Hombre de Orce" in einem riesigen Betonkubus verlieren.

Höhlenmalerei spiegelt sich in der Landschaft
Besonders begeistert erzählt uns Dietmar von dem Projekt „AlVelAl 8000". Es wurde von Astrid Vargas, laut spanischer Tageszeitung „El País" einer der 100 einflussreichsten Frauen im spanischsprachigen Raum, angestoßen und vereint mehrere Elemente der regionalen Entwicklung: Am stark erodierten Südhang des backenzahnähnlichen und deswegen „Muela" genannten Berges gewann sie die Gemeinde Vélez Blanco dafür, eine 18 Hektar große Finca für die Landschaftsrestaurierung zur Verfügung zu stellen. Dort hat AlVelAl nun mit der Anpflanzung von in verschiedenen Farben blühenden Heil- und Würzkräutern, wie Lavendel, Rosmarin und Thymian begonnen und der örtlichen Behinderteninitiative APAFA zum Nießbrauch und Verbesserung ihrer Einkünfte überlassen. Bei der Vermarktung unterstützen Experten der Initiative. Der Clou auf den Vargas besonders stolz ist: Die Kräuter werden so gepflanzt, dass sie Teile der bis zu 8.000 Jahre alten Höhlenmalereien der Cueva de los Letreros nachbilden und somit als „Land Art" eine zusätzliche touristische Attraktion bilden werden. Wer von der Höhle in die Landschaft blickt, findet somit eine Spiegelung der beeindruckenden Figuren aus grauer Vorzeit – gemalt mit blühenden Kräutern.

Der Business Attaché
Und da ist noch ein Deutscher, dem es die Gegend angetan hat: Frank Ohlenschläger hat hier für einen Naturkosthersteller eine Farm geleitet. Als diese verkauft wurde, ist er geblieben und seitdem unterstützt er die ALVelAl-Bauern bei der Vermarktung ihrer Erzeugnisse. Er vermittelt ihre hochwertigen Produkte nach Deutschland, überlegt sich neue, regionale Absatzkanäle und bringt vor allem sein Knowhow und einen ganz grundlegenden Aspekt ein: Man baut nicht irgendetwas an, um damit kurzfristig Subventionen zu erhalten, sondern man produziert qualitativ hochwertige Produkte, die dann vor Ort veredelt und selbst vermarktet werden. So können Gewinne erwirtschaftet werden, die es den Menschen ermöglichen, vor Ort zu bleiben und nicht abzuwandern. Frank weiß, wie der Kunde „tickt", wo sich die richtigen Kunden befinden und wie man an sie herankommt. Nicht nur deswegen ist er besonders wertvoll für die Landwirte. Er vereint den Blickwinkel einer liebevollen Produktion mit einem respektvollen Umgang von Erzeugern und Abnehmern.

Die große Herausforderung laut Frank ist der Mentalitätswandel in der Gegend, insbesondere bei den Landwirten. Sie müssen zukünftig unternehmerischer denken und handeln, kundenorientiert sein, Respekt gegenüber Mitmensch (gesunde Lebensmittel erzeugen) und Umwelt (Ressourcenschonung, Verbesserung von Biodiversität, Wasser- und Energiebilanz) zeigen. Das erfordert praktische, zielführende Weiterbildung durch Workshops und beispielgebende Landwirtschaftsbetriebe. Das erfordert Mut, Zeit, Ausdauer und vor allem Geld.

Commonland und das Kapital
Obwohl es bei der Erarbeitung der Strategiepläne für die EU-Regionalförderungsprogramme (LEADER) auch eine breite Beteiligung der lokalen Bevölkerung nach dem „Bottom-up-Prinzip" (community-based-principle) gab, brachte die niederländische Stiftung Commonland den Durchbruch für AlVelAl.

Sie brachte nicht nur Kapital ein, sondern propagierte auch den holistischen Ansatz der Verbindung von Natur, Mensch, Wirtschaft und Kultur. Damit ließen sich weitere weitsichtige und mit den bestehenden Verhältnissen unzufriedene Menschen für einen Neustart begeistern. Zum ersten Mal arbeiteten nun auf breiter Basis Universitäten (Almería, Granada und Murcia) und Wissenschaftsinstitute (CSIC Granada und Murcia) mit Kommunen, Vereinen und Einzelpersonen im ländlichen Raum eng zusammen. Die Rolle von Commonland ist bedeutend und umfasst Fachberatung, Stärkung des Networking, Fundraising und Sicherstellung der finanziellen Nachhaltigkeit von Projekten. Darüber hinaus die Erfassung von Daten und eine strikte Evaluierung von Ergebnissen. Commonland fördert unternehmerisches Denken, bringt weltweite Best Practice-Beispiele ein und zeigt eine für viele Menschen neuartige Kultur des Projektmanagements mit einzuhaltenden Terminen, Zielen und Controlling . Erleichtert wird die Akzeptanz von Commonland durch ein Selbstverständnis als Prozessbegleiter und -stimulierer, als Moderator und nicht als Hauptdarsteller.

Die Commonland-Stiftung arbeitet beim „Bonn Challenge" zur Begrünung von 150 Millionen Hektar weltweit mit und betreibt in diesem Sinne auch „Landscape Restauration" in Australien und Südafrika, doch die spanische AlVelAl Truppe setzt bewusst auf Kultur als „Return of Inspiration" und zur zusätzlichen Wertschöpfung durch den Kultur- und Kreativtourismus. Die Ressourcen sind wie bereits beschrieben zahlreich und AlVelAl arbeitet mit der Universität Jaén am Konzept für eine Tourismusdestination AlVelAl. Dieser Tourismus in einem Teil des  authentisch gebliebenen Spanien, in dem Folklore noch als ein Grundbedürfnis der einheimischen Bevölkerung gepflegt wird, soll im Kontext des Wandels hin zur regenerativen Landwirtschaft und Inwertsetzung einheimischer Produkte und Ressourcen erfolgen.

Als wir bei Sonnenuntergang aus der beeindruckenden Höhle mit Wandmalereien in die weitläufige Gebirgslandschaft Richtung Muela blicken, fasst Dietmar seine Vision zusammen: „Wenn wir den Weg des gemeinsamen, verantwortungsbewussten und weitblickenden Handelns in den nächsten Jahren weitergehen, dann hat diese Region die große Chance, ein „Territorium des guten Lebens" zu werden. Es gibt dazu keine Alternative als die Abwanderung."

www.alvelal.net | www.commonland.com | www.bonnchallenge.org 

Von Fritz Lietsch

Umwelt | Wasser & Boden, 01.12.2017
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 04/2017 - Jetzt die SDG umsetzen erschienen.
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