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Österreichischer Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit

Im Gespräch mit Gewinner Patrick Jung vom Kölner Ingenieurbüros IPJ

Mehr zum Thema "Bauen für Kultur und Klimaschutz" lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von forum Nachhaltig Wirtschaften.
Nachhaltiges Bauen liegt im Trend und wird immer mehr zur Notwendigkeit, um die Klimaschutzziele der Länder zu erreichen. Der Herausforderung, eine energieeffiziente Bauweise mit einer innovativen Architektur zu verbinden, stellt sich der Kölner Diplom-Ingenieur Patrick Jung seit mehr als 20 Jahren. Nun wurde er gemeinsam mit seinem Team vom Ingenieurbüro IPJ für sein Montforthaus in Vorarlberg mit dem österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit geehrt.
 
Für die EnergieAgentur.NRW ein Anlass, mal nachzufragen.
 
Herr Jung, Sie wurden vor kurzem mit dem österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Der diesjährige Preisträger des österreichischen Staatspreises für Architektur und Nachhaltigkeit Diplom-Ingenieur Patrick Jung © Mathias BaumannIch war überrascht und habe mich sehr für unser gesamtes Team gefreut. Unser Büro hat Wärme, Lüftung, Tageslicht und Strombedarf simuliert. Wir haben intensiv mit den Architekten Hascher Jehle, aber auch mit anderen Ingenieurbüros, zum Beispiel ISRW in Düsseldorf und Stockinger im Burgenland, zusammengearbeitet und konnten beim Montforthaus sehr viele wichtige Aspekte für das nachhaltige Bauen umsetzen. Die Auszeichnung ist für uns auch deswegen so erfreulich, weil die Jury all diejenigen Aspekte, die uns und den Projektpartnern wesentlich waren, ausdrücklich gelobt hat.

Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere, das das Montforthaus auszeichnet und es so speziell und innovativ macht?
Wer das Montforthaus sieht, merkt gleich, dass es sich um ein besonders schönes und harmonisches Gebäude handelt. Schon auf der Baustelle war ich sehr beeindruckt, als ich zum ersten Mal die Wirkung des Baukörpers erkennen konnte, bei dem bis ins letzte Detail Ökologie, Funktion und Ästhetik in Einklang gebracht worden sind. Etwas ganz Besonderes war für mich die Zusammenarbeit mit dem Bauherrn, mit den Mitarbeitern der Stadt Feldkirch. Hier haben wir von der ersten Minute an einen ganz selbstverständlichen, sympathischen Umgang und eine beeindruckende Offenheit erlebt. Es war beeindruckend zu sehen, wie man dort mit allen Akteuren, den Nachbarn, den Betreibern, den Planern kommuniziert hat und wie sehr der Stadt die Ökologie und die soziale Verträglichkeit des Gebäudes am Herzen lagen.
 
Innovativ ist einiges im Montforthaus: Da wäre zum Beispiel das Tageslicht- und Lüftungskonzept zu nennen, die von Zumtobel speziell für Theatersäle entwickelte LED-Beleuchtung, und das nachhaltige Materialkonzept. Auch dass wir für die Wärme- und Kälteversorgung den Fluss Ill nutzen, ist nichts Alltägliches – ebenso wie unser Ziel, das Gebäude so zu steuern, dass der Strombedarf die Netze möglichst wenig belastet.

Seit wann und wieso haben Sie sich insbesondere auf das nachhaltige Bauen spezialisiert?
Ich habe das Büro mit 28 Jahren gegründet. Das war Mitte der 1990er-Jahre, bald nach dem Abschluss meines Studiums, in dessen Verlauf ich das Glück hatte, mit dem Simulations-Pionier Mathias Schuler und seiner Crew zu arbeiten. Die damals ganz neue Gebäudesimulation mit TRNSYS und TAS hat mich extrem fasziniert – das tut sie bis heute. Die Möglichkeit, Computertechnologie, Umweltschutz und Architektur zu meinem Beruf zu machen, war für mich die Erfüllung eines Traumes. Ich liebe gute Architektur, habe aber kein Talent zum Künstler, sondern eher zum Ökologen und Ingenieur.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aspekte des nachhaltigen Bauens?
Das Gebäude muss dem Menschen gut tun – dazu gehören ein angenehmes, natürliches Klima, viel Tageslicht, kein Lärm, wenig Technik. Ich habe verstanden, dass ein natürlich ausgeglichenes Gebäude keine Energie verschwendet. Das ist nur bei Gebäuden der Fall, die mit großem Technikeinsatz in der Spur gehalten werden müssen. In unseren Breiten muss ein gutes, ausgeglichenes Gebäude sehr gut gedämmt sein. Es braucht einen optimalen Sonnenschutz und die Oberflächen sollten zum Heizen und Kühlen bei geringen Temperaturunterschieden verwendet werden. Auch eine regenerative Energieversorgung und die Verwendung regionaler nachwachsender Baustoffe sind mir extrem wichtig.

Was hat Sie zu dem Anspruch bewogen, Ihre Ideen für eine menschen- und umweltgerechte Architektur umsetzen zu wollen?
Für das Montforthaus in Vorlarlberg wurde Jung mit dem österreichischen Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit geehrt. © Mathias BaumannIch gehöre der Generation an, die das Waldsterben, vergiftete Gewässer, das Ozonloch und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl als reale Bedrohung für die gesamte Mensch- und Tierwelt erlebt und wahrgenommen hat. Hinzu kam mein Interesse an moderner Architektur. In der Möglichkeit, meinen Beitrag zu einer umweltgerechteren Stadt zu leisten, habe ich meinen Traumberuf gefunden.

Seit 1997 lehren Sie u.a. an der Donau-Universität Krems. Was/welche Themen sind Ihnen besonders wichtig, an Ihre Studenten zu vermitteln?
In erster Linie ist es mir wichtig, Architekten und Ingenieure gemeinsam auszubilden, um den gegenseitigen Respekt vor der Leistung des anderen zu fördern. Es ist für mich immer erstaunlich, wie spielerisch ein nachhaltiger Gebäudeentwurf gemeinsam gelingen kann, wenn die Grundlagen sorgfältig gelernt und verstanden wurden.

Zeichnet sich ein Trend zu vermehrtem nachhaltigen Bauen ab oder schreitet diese Entwicklung eher gemächlich voran?
Ich sehe es als positives Zeichen, dass das nachhaltige Bauen Einzug gehalten hat in die Planungen großer Unternehmen und Konzerne. Wir erleben eine gesteigerte Nachfrage bei Zertifikaten für das Nachhaltige Bauen, die wir für Unternehmen wie Ikea, Rewe, Premier Inn und andere ausstellen können. Gleichzeitig sind die deutschen und europäischen Mindestanforderungen an das Bauen erfreulicherweise seit den 1990er-Jahren deutlich strenger geworden. Zusammen mit der Entwicklung des Passivhausstandards durch Prof. Feist hat das der Bauwirtschaft die nötigen Impulse gegeben, die richtigen Produkte zu entwickeln und wirtschaftlich verfügbar zu machen. Also: Die Entwicklung schreitet gemächlich voran, aber auf einem im Neubau bereits sehr anspruchsvollen Niveau. Nachholbedarf sehe ich bei den Bestandsgebäuden. Hier ist das Tempo viel zu langsam, was weniger ein technologisches als ein soziales Problem ist.

Wo liegen die Trends der Zukunft in Bezug auf den nachhaltigen Häuser- und Gebäudebau?
Ein Thema sind sicherlich wohngesunde, natürliche Materialien, die in Bezug auf die Gesundheit unbedenklich sind. Außerdem ist ein gestiegener Wunsch nach Tageslicht in den Wohnhäusern erkennbar, verbunden mit einem richtigen, wirksamen Sonnenschutz. Ein wichtiger Aspekt bleibt die Wirtschaftlichkeit, wobei viele Bauherren seit etwa zehn Jahren einen längeren Zeithorizont ins Auge fassen, in dem eine Maßnahme wirtschaftlich sein muss.

Das Montforthaus haben Sie in Feldkirch/Vorarlberg in Österreich verwirklicht. Ist das Land ein Vorreiter im Hinblick auf das nachhaltige Bauen? In welchen anderen Ländern lassen sich solche Gebäude ebenso gut verwirklichen? Wer hinkt deutlich hinterher?
Österreich hat eine beeindruckende, reichhaltige Tradition für das naturnahe Bauen. Holzbausysteme und Solaranlagen, die in Privatinitiative entwickelt wurden, sind in Österreich schon seit den 1970er-Jahren erprobt und verfeinert worden. Holzkessel aus Österreich sind technologisch führend, und die traditionelle Handwerkskunst hat in Vorarlberg das Bauen so stark positiv geprägt wie sonst fast nirgendwo.
 
Insofern ist Österreich ein gutes Beispiel. In Luxemburg habe ich gelernt, dass dort der bauliche Wärmeschutz bereits weiter in Richtung Passivhaus entwickelt ist, in Frankreich und Skandinavien finden sich erstaunlich viele Neubauten mit Bestnoten im Energieausweis. Deutschland hat es in den Ingenieurswissenschaften zu einer faszinierenden Meisterschaft gebracht, aber bei der Umsetzung in die gebaute Praxis hinken wir derzeit noch etwas hinterher.

Wie schneidet NRW im Hinblick auf die Umsetzung solcher Gebäudeprojekte ab?
In NRW haben wir viele Leuchtturmprojekte. Hervorzuheben sind da vor allem das Innovation City Projekt aus Bottrop, verschiedene Plusenergie- und Passivhausprojekte, und die 100 Klimaschutzsiedlungen. Aber im Vergleich zu den südlichen Bundesländern und Hessen besteht noch Nachholbedarf; dort ist einfach die Nachfrage noch höher als in NRW.

An welchen anderen Gebäudeprojekten waren Sie beteiligt, die Sie hervorheben möchten?
Für das kürzlich neu eröffnete IKEA-Möbelhaus in Kaarst, den "More Sustainable Store", durften wir das Bauphysik- und Energiekonzept mitentwickeln und den gesamten Planungs-und Bauprozess mit einer Auditierung nach BREEAM begleiten. Auch für das Gebäude Coeur Cologne, direkt gegenüber dem Hauptbahnhof in Köln, haben wir ein Zertifikat nach dem DGNB-Standard Gold geplant. In Bonn am Friedensplatz gefällt mir das Sparkassengebäude sehr gut; hier haben wir auch mitplanen und viele wesentliche Ideen der Nachhaltigkeit einbringen können. Und in Niederösterreich hat mein Freund, der Architekt Georg Wolfgang Reinberg, mit uns zusammen ein ganz besonderes Bürogebäude geplant: das Plusenergie-Betriebsgebäude der Windkraft Simonsfeld in Ernstbrunn.

Welche weiteren Gebäude (von anderen Ingenieur-/Architekturbüros) sind innovative Vorzeigeprojekte, speziell in NRW?
Mir gefallen die vielen Solarsiedlungen – eine Idee aus Nordrhein-Westfalen, die international Beachtung findet. Auch das Projekt am Phoenix-See in Dortmund finde ich interessant, ebenso die Passivhaus Projekte in Wuppertal, die neue Burse zum Beispiel. Und wenn ich über die Landesgrenzen von NRW hinausschaue: das geniale Rathaus "City Hall Venlo". Das hätte ich gerne mitgeplant!
 
Wer ist bei solchen Projekten generell die treibende Kraft? Sind es die Firmen, Kommunen oder Investoren?
Das kann man nicht generell beantworten. In vielen Fällen geht der Impuls vom Nutzer und vom Investor aus. Die besten Beispiele entstehen, wenn ein Bauherr von der Idee begeistert ist, ein Grünes Gebäude zu besitzen. Firmen und Kommunen unterstützen diesen Prozess nach Kräften, veranlassen ihn aber nur in Ausnahmefällen.

Wie ist die Akzeptanz nachher beim Nutzer im Hinblick auf die Bedienbarkeit und Fehlertoleranz?
Das hängt maßgeblich davon ab, wie gut der Planer den Nutzer eingebunden und informiert hat. Das braucht Zeit, etwas Geld und Liebe zum Detail. Wichtig ist, dass der Nutzer ernstgenommen wird, dass er weiß, was sein Gebäude letztendlich für ihn tun kann, und was er dafür tun muss. Die Grundlagen für ein fehlertolerantes Gebäude legt der Planer mit seinem Energiekonzept. Wenn die Bauphysik stimmt und die Technik einfach und robust ist, kann nicht mehr viel schief gehen.

Leben Sie selber auch in einem nachhaltigen Wohnhaus?
Ja, unser Wohnhaus von 2006 erfüllt den kfw60 Standard, mit einer Wärmepumpe mit drei Erdsonden im Garten und einer dachintegrierten PV-Anlage, an der die ZOE, ein kleines Elektro-Auto, lädt.

Wie bewerten Sie heute die Gebäude, die Sie vor fünf Jahren gebaut haben? Entsprechen diese Ihren Erwartungen, die der Investoren und Nutzer?
Es gibt kein einziges Gebäude, das ich bedauern würde. Alle Projekte, die in den letzten 25 Jahren entstanden sind, haben ihre Qualitäten. Bei einigen wenigen bin ich ein wenig enttäuscht, weil die Erwartungen deutlich höher waren als das, was am Ende erreicht wurde. Das lag dann oft an technischen Ausfällen oder an einer unzureichenden Abstimmung der Gewerke und der anderen Akteure untereinander. Aber auf der anderen Seite gibt es sehr viele Beispiele, die in der ganzen Vielfalt der möglichen Bautypen – vom Passivhaus bis zum Glaskristall – immer wieder zeigen, dass und wie es immer wieder noch ein Stück umwelt- und menschenfreundlicher geht.

Kontakt: Verena Barton-Andrews, EnergieAgentur.NRW
barton-andrews@energieagentur.nrw | www.energieagentur.nrw


Technik | Green Building, 29.11.2017

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