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Quelle: Plattform Nachhaltig Wirtschaften Rubrik:  Fachbeiträge|Praxis|CSR-Köpfe & Akteure Datum:  17.07.2012


 

"Jetzt kommt Bewegung rein!"

5 Jahre Nachhaltigkeitspower in Deutschland

Stefan Schulze-Hausmann hatte 2007 die Idee zum Deutschen Nachhaltigkeitspreis, Fritz Lietsch publiziert seit 2007 das Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften. Gemeinsam blicken die Pioniere auf die Entwicklungen zurück und sprechen über die Zukunft von Unternehmensverantwortung, Wirtschaft und CSR.

Dieses Jahr finden der 5. Deutsche Nachhaltigkeitstag und -preis am 6. und 7. Dezember 2012 im MARITIM Hotel Düsseldorf statt. Foto: © BerndGabriel
Das Gespräch führte Tina Teucher.

Herr Schulze-Hausmann, Sie sind seit 25 Jahren Fernsehmoderator, Sie, Herr Lietsch, promoten mit dem ALTOP-Verlag seit über 25 Jahren vorausschauendes Wirtschaften und einen ökologisch verträglichen Lebensstil. Mit welchen Ambitionen starteten Sie vor über fünf Jahren Ihre Projekte?

SSH: Ich hatte viele Jahre den Deutschen Umweltpreis moderiert, Veranstaltungen für Wirtschaft und Politik produziert - und verfolgte mit großem Interesse, wie der Stellenwert des Themas Nachhaltigkeit in den Medien, den Unternehmen und der Politik stieg. Wie für viele andere wirkten die Fakten des Klimawandels für mich als Alarmsignal. Mir fiel auf, dass es im "preisfreudigen" Deutschland keine Auszeichnung gab, die Nachhaltigkeitsengagement prämierte. Preise, zumal solche, die mit einem Wettbewerb verbunden sind, haben hohe Inspirationskraft. Ich wollte meine Erfahrungen in den Dienst einer motivierenden Auszeichnung für Nachhaltigkeit stellen und so meinen Beitrag leisten, die Idee zukunftsfähiger Entwicklung zu befördern.

FL: Die Wirtschaft ist die wesentliche Kraft in unserer Gesellschaft und dabei oft stärker und dynamischer als Politik, NGOs oder Medien. Ich setze deshalb bei meinem Engagement auf die Macht des Konsumenten und die Innovationskraft der Wirtschaft. In den letzten 25 Jahren hatten wir uns mit ECO-World, dem alternativen Branchenbuch und weiteren Medienprojekten dafür eingesetzt, Verbraucher und Firmeneinkäufer für die Idee des nachhaltigen Konsumierens zu gewinnen. Heute kennt jedes Kind Bio-Produkte, Häuser werden im Passiv-Standard errichtet, Windkraft und Solarenergie haben einen beispiellosen Siegeszug hingelegt und immer mehr Menschen schwören z.B. auf Naturkosmetik und sanften Tourismus. Doch der Verbraucher kann nur dann bewusst einkaufen, wenn ihm die Wirtschaft entsprechende Alternativen anbietet. Noch heute warten wir zum Beispiel auf wirklich innovative E-Mobile von der Automobilindustrie. Deshalb haben wir in Zusammenarbeit mit namhaften Akteuren wie dem B.A.U.M. e.V., dem Club of Rome und der Leuphana Universität das Magazin forum Nachhaltig Wirtschaften gestartet. Wir zeigen darin, dass die Wirtschaft eine Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft trägt und haben den Begriff der Corporate Social Responsibility in Deutschland in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

SSH: Wirtschaft inspirieren ist wichtig, aber es wird für einen undotierten Preis erst spannend, wenn die Öffentlichkeit Kenntnis von vorbildlichen Leistungen erhält. Wie Fritz Lietsch sagt: Der Konsument muss die Mechanismen verstehen und für sich den Begriff "Nachhaltigkeit" mit Inhalten füllen. Um ein möglichst breites Publikum zu erreichen, nehmen wir bei unserer Preisverleihung sehr bewusst Elemente wie Simplifizierung, Dramaturgie und auch den manchmal kritisierten Glanz zur Hilfe, um den Lichtkegel auf die zu lenken, die etwas bewegen.

FL: Wir setzen auf die Wirkung von Vorbildern und zeigen bewusst an Hand von Best Practice-Beispielen, dass nachhaltiges Wirtschaften den langfristig erfolgreichsten Weg für das Unternehmen, aber auch für Gesellschaft und Umwelt darstellt. So können wir weitere Unternehmen aktivieren und motivieren, in diesen gesamtgesellschaftlichen Trend einzuschwenken.

SSH: Den Mitarbeitern der Unternehmen tut die Auszeichnung oft sehr gut, denn sie ist eine Anerkennung vor Chefs, Kollegen und Kunden. Ein gutes Abschneiden beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis befördert das Thema im Unternehmen, rückt es ins Blickfeld der Führungsetage und setzt den Preisträger zuweilen auch unter "Beobachtungsdruck", das Thema weiterzutreiben.

Setzen auf die Macht der Konsumenten und die Innovationskraft der Wirtschaft: Stefan Schulze-Hausmann und Fritz Lietsch
FL: Stimmt, das ist ein ganz wichtiger Punkt, den Sie da ansprechen! Wir setzen zusätzlich auf die Vernetzung: Durch ein breites Themenspektrum, eine hohe Auflage und die breite Verteilung erreichen wir Wirtschaft, Politik, Medien und NGOs und inspirieren diese Akteure, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. So können wir zeigen, dass immer mehr Menschen bereit sind, den Wandel zu gestalten. Das gibt Mut und Rückhalt.

SSH: Auch wir wollen das Gemeinsame stärker betonen als das Trennende. Die NGOs, die uns anfangs skeptisch gegenüberstanden, warfen uns vor, reine PR zu machen. Wir mussten sie davon überzeugen, dass wir von Experten als vorbildlich erkannte Leistungen kommunizieren und belohnen wollen. Daher haben wir unsere Jury aus renommierten Fachleuten zusammengesetzt, die alles andere als Ja-Sager oder Durchwinker sind. Sie wählen unter den Wettbewerbsbesten die Sieger mit kritischen Augen aus. Wer unseren Bewertungsprozess erfolgreich durchlaufen hat, für den machen wir gern PR.

Auf welche Erfolge sind Sie besonders stolz?

SSH: Unser Herzstück ist eine belastbare Bewertungs-Methodik, die es zu entwickeln und vor allem nach ersten Erfahrungen zu optimieren galt. Das sie jetzt "auf dem Punkt" ist, hat erste Priorität. Zweitens haben wir in zahllosen Gesprächen Partner zusammengeführt, die die unterschiedlichsten Kräfte im Nachhaltigkeitsbereich abbilden: Politik, Wirtschaft, NGOs, Forschung, Gesellschaft. Sie alle stellen in der Arbeit mit uns das Gemeinsame in den Mittelpunkt. Drittens sind Kongress und Preisverleihung gut gewachsen, quantitativ, in der Medienresonanz, aber auch in der Qualität. Mein größter Wunsch wäre es, aus dem Nachhaltigkeitstag ein "Familienfest der Nachhaltigkeit" zu machen, wo alle willkommen sind. Da gehören der schlaue Papa und die böse Schwiegermutter ebenso dazu, wie der freche Enkel und der schnöselige Onkel - wenn alle das gemeinsame Ziel haben, sind sie herzlich willkommen, gemeinsam zu essen, zu feiern und zu diskutieren.

FL: Ein wunderschönes Bild. So ein Familienfest unterstützen wir gerne, denn wir setzen auf den Dialog, den Austausch und die Nutzung von Synergien. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir gezeigt haben, dass nachhaltiges Wirtschaften nicht nur ökologisch und gesellschaftlich wichtig, sondern auch ökonomisch höchst erfolgreich ist. Nachhaltigkeit ist keine Hippie-Ideologie, sondern bietet ein gigantisches Innovations- und Geschäftspotenzial und ist der Mega-Trend der nächsten zehn Jahre.

Welche Rückschläge müssen Sie einstecken?

SSH: Es kostete anfangs viel Energie, einige hundert Unternehmen dazu zu bewegen, sich mit dem nicht anspruchslosen Fragebogen zu beschäftigen. Manche sagten "wir machen noch nicht genug" oder "jeder weiß, was wir machen, wozu ein Preis?" Dazwischen ist die Wahrheit. Heute ist es deutlich leichter, aber wir diskutieren immer noch mit Unternehmen darüber, dass die Teilnahme Sinn hat. Schon den Fragebogen auszufüllen ist lehrreich.

FL: Viele Entscheidungsträger, die sich intellektuell mit Nachhaltigkeit beschäftigen und voll hinter ihr stehen, sind immer noch nicht in der Lage, eine Neuausrichtung ihres Handelns zu schaffen. Es zu übersetzen in alle Abteilungen ist ein mühsamer Prozess voller Rückschläge und lähmende Aussagen wie "geht nicht" oder "haben wir immer schon so gemacht" sind an der Tagesordnung. Das ist manchmal schon sehr frustrierend und man braucht viel Geduld. Wir reagieren auf die Lähmung, indem wir die Unternehmen beratend unterstützen und unser großes Netzwerk für den Veränderungsprozess bereitstellen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Wirtschaft? Wie sieht die Wirtschaft der Zukunft aus?

FL: Muhammad Yunus betont in seinen forum-Kolumnen immer wieder: Wirtschaft muss wieder mehr Sinn haben. Nicht nur Profitmaximierung für Shareholder, sondern gesellschaftlicher Sinn ist die Maxime. Selbst Michael Porter, der renommierteste Wirtschaftswissenschaftler unserer Zeit, fordert eine Neuausrichtung der Wirtschaft.

Damit dies auch in die Praxis umgesetzt werden kann, beteiligen wir uns an Initiativen wie der europäischen Business & Biodiversity Kampagne oder auch an Events wie der SusCon, die genau das Thema "Wirtschaft der Zukunft - Zukunft der Wirtschaft" behandelt.

Wir wünschen uns, dass immer mehr Menschen und damit Unternehmen nicht nur die gewaltigen Herausforderungen sondern vielmehr noch die großen Chancen sehen und gemeinsam mit uns anpacken, die Zukunft aktiv zu gestalten.

SSH: Nachhaltigkeit sehe ich als den ernst gemeinten Versuch, immer wieder neu Zielkonflikte aufzulösen und Balance zu schaffen zwischen ökologischen, sozialen und ökonomischen Aspekten. Dies sollte wo immer möglich freiwillig passieren, wichtige Vorreiter hat niemand gezwungen. Aber eines muss klar sein: Wo Freiwilligkeit nachweislich nichts hilft, braucht es Druck der Öffentlichkeit, der Zivilgesellschaft und der Medien, aber auch starken ordnungspolitischen Gestaltungswillen, der Unternehmen auf die Sprünge hilft.

Herzlichen Dank für das Gespräch und weiter viel Erfolg!



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