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Quelle: Plattform Nachhaltig Wirtschaften Rubrik:  Aktuelle Meldungen Datum:  13.07.2012


 

"Open Innovation" erweitert Geschäftsmodelle

Interessante Werkzeuge und Unternehmensbeispiele des Querdenker-Gipfels 2012

Von Tina Teucher

Es gibt die Kreisdenker, die alles immer weiter optimieren. Es gibt die Längsdenker, die Ideen gut durchsetzen können. Und dann gibt es die Querdenker, die die Karre aus dem Dreck ziehen: sie innovieren, hinterfragen, denken neu. Beim Querdenker-Gipfel am 12. Juli 2012 in München kamen ca. 70 solcher Köpfe zusammen, um sich über Open Innovation auszutauschen - eine Form von Ideenschmiede, die Mut braucht, aber Unglaubliches hervorbringen kann.

So lässt sich Schwarmintelligenz sinnvoll nutzen! Prof. Dr. Kathrin Möslein (Innovationsinstitut Erlangen-Nürnberg), Jan Fischer (innosabi GmbH), Martin Ertl (Bombardier) und Otmar Erl (Querdenker GmbH) stellten ihre Beispiele beim Querdenker-Gipfel 2012 vor.
Foto: © Philipp Ledényi
"Im Grunde gibt es drei Arten von Open Innovation", machte Prof. Dr. Kathrin Möslein vom Innovationsinstitut der Universität Erlangen-Nürnberg klar:

  • Emergent Open Innovation, bei der die Ideen dezentral, quasi bottom-up entstehen - wie bei der verrückten Schokoladen-Idee Yellow Chocolate, deren Erfinder all seine Freunde mobilisierte und so ein gelbes Produkt kreierte, das inzwischen unter der Hand für 950 Euro pro 50g gehandelt wird. (www.facebook.com/tasteofyellow)
    
  • Corporate Open Innovation, bei der - ausgehend von der geschlossenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung (F&E) - externe Ideengeber hinzugezogen werden. So z.B. bei Procter & Gambles "connect + develop" (www.pg.com/connect_develop). Dieses Beispiel stellt gleichzeitig eine
    
  • Mischform dar, bei der breit gestreutes Wissen, Erfahrungen und Wünsche aus dem Stakeholder-Umfeld und Unternehmenskapazitäten verbunden werden.

Tools für Open Innovation


Kathrin Möslein verdeutlichte, dass die drei Innovatorentypen (F&E, Mitarbeiter und Externe) sich an fünf Innovationswerkzeugklassen bedienen können:

  • Wettbewerbe, wie z.B. Lunar Google, Dell Social Innovation oder Lufthansa Air Cargo. 400 dieser Innovationswettbewerbe finden sich im Innovation Contest Inventory (www.innovationresearch.de). Bei Wettbewerben ist jedoch besondere Vorsicht geboten, da die Eigendynamik von Internetabstimmungen auch für Unternehmen unerwünschte Phänomene hervorrufen kann. Lustiges Beispiel hierfür ist der medial stark beachtete Pril Design Wettbewerb, bei dem ein Etikett-Entwurf mit einem krakeligen Hähnchenfleischstück und der Aufschrift "Schmeckt lecker nach Hähnchen" tausende Stimmen bekam (www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/soziale-netzwerke-pril-wettbewerb-endet-im-pr-debakel-a-763808.html)
    
  • Communities wie UnserAller laden User zum Mitmachen ein und Unternehmen zum Stellen von Aufgaben (www.unseraller.de).
    
  • Marktplätze wie Innocentive (www.innocentive.com) und NineSigma (www.ninesigma.com) bringen sogenannte Seekers und Solvers, also Auftraggeber und Ideenbringer zusammen. Der Unterschied zu den Communities: Hier lösen Fachexperten meist komplexe Aufgaben, es gibt ein Preisgeld und der Prozess findet nicht unter den Augen der Öffentlichkeit statt.
    
  • Toolkits sind ein gutes Mittel, um User ihre individuellen Produkte zusammenstellen zu lassen und ihre Präferenzen kennenzulernen. Bekannt ist es z.B. bei T-Shirt-Generatoren ("Dein Text. Dein Motiv"), aber auch Audi bietet Toolkits für die Innenausstattung an und in der Lego Factory können Kinder sich ihre eigenen Legowelten und Roboter zusammenstellen, bevor sie ihre Eltern vom Kauf überzeugen. Ähnlich funktionieren die Online-Offline-Spielzeuge von Little Bits (www.littlebits.cc) oder die modulare Open Source Hardware Bug Labs (www.buglabs.net). Eine nachhaltige Variante ist z.B. der Schokoladengenerator Chocri mit über 80 Zutaten biologischen und fair gehandelten Zutaten und somit 27 Milliarden Möglichkeiten (www.chocri.de).
    
  • Technologien sind bisher noch wenig verbreitet, können aber enormes leisten. Laser Cutter, 3D Printer, Food Printer. sie alle lassen vor unseren Augen Produkte fast zauberhaft entstehen. Beispielsweise kann man sich bei Cloud Fab laut Firmenversprechen "fast alles" online und 3D herstellen lassen (www.cloudfab.com). Ebenso muss niemand im ewig gleichen Ikea-Umfeld wohnen, wenn man sich seine Möbel und Einrichtungsgegenstände wie Vasen mit Ponoko ganz einfach selbst drucken kann (www.ponoko.com) - oder, wenn's etwas Edles sein soll, lässt sich auch Designerschmuck individuell gestalten (www.amoonic.de).

Neue Management-Herausforderungen


"Birgt Open Innovation nicht auch Gefahren, z.B. weil die Konkurrenz zuschaut?" Kontroverse Diskussionen in der Querdenker-Gipfel-Pause.
Foto: © Philipp Ledényi
Die Vorteile: Mit Open Innovation lassen sich Produkte und Ideen in großer Zahl, großräumig und schnell erstellen und umsetzen. Außerdem gibt es durch das Internet eine Art "kollektives Gedächtnis" - kaum etwas muss zweimal erfunden werden, alles kann aufeinander aufbauen und weiter entwickelt werden.
Gleichzeitig stellen Open Innovationen Prozesse das Management vor neue Herausforderungen: Das Cognitive Surplus, also der Überschuss an potenziellen guten Ideen, muss erst einmal sinnvoll genutzt werden! Wenn eine Idee von der anderen Seite des Globus kommt und hier durchgesetzt werden soll, kann dies bei den Benutzern Widerstand erzeugen <(i> "Not invented here" ). Und schließlich muss eine sinnvolle Balance zwischen Offenheit und Geschlossenheit gefunden werden - Patente und Gebrauchsmusterschutz (also geistiges Eigentum) bleiben für Unternehmen weiterhin überlebenswichtig, gleichzeitig dürfen Kundenwünsche, zunehmende Individualisierung und Wettbewerbsvorteile durch größeren Ideenreichtum nicht ignoriert werden.

Crowdsourcing bedacht angehen


Im weiteren Verlauf des Querdenker-Nachmittags stellten Unternehmensvertreter ihre Erfahrungen mit Open Innovation Prozessen vor. Jan Fischer, Geschäftsführer der innosabi GmbH und Macher der UnserAller Plattform stellte Wege vor, wie Menschen für Crowdsourcing Prozesse zu gewinnen seien: Durch emotionale Nähe, Rabatte, Status, Mitverdienen oder Ruhm, indem z.B. das neue Produkt nach dem Erfinder benannt wird. Bei Wettbewerben müsse auf einige grundlegende Dinge geachtet werden, um PR-Desaster oder gar "Shit Storms", wie Hetze im Internet genannt wird, zu vermeiden (z.B. keine öffentliche Vorabstimmung, betrugs- und spamsichere Abstimmungsmechanismen, Wertschätzung und Dank gegenüber den Teilnehmern). Martin Ertl, Chief Innovation Officer von Bombardier Transportation stellte die Rolle von Open Innovation für zukunftsfähige Mobilitätslösungen vor. Mit einem Low Budget Open Innovation Prozess hatte Bombardier 2010 über 400 wertvolle Vorschläge für die Innenausstattung von Zugrestaurants erhalten (www.yourail-design.bombardier.com). Momentan läuft der der Wettbewerb "youCity" zur Gestaltung von Mobilitätslösungen in Städten.

Getreu dem Motto der Veranstaltung "mit Schwarmintelligenz und viralen Netzwerken zu neuen Ideen und Märkten" beschrieben am späten Nachmittag auch Andreas Zipser, Mitglied der Geschäftsführung von CAS Software (www.cas.de), Dr. Thomas Lackner als Leiter des Open Innovation Programms der Siemens AG (www.siemens.com/innovation/de/kooperationen) und Hannes Erler, Vizepräsident des Innovation i-LAB der Swarovski KG ihre Erfahrungen. Im Anschluss boten die Räumlichkeiten des Schwabinger Rilano-Hotels Möglichkeiten zum Austausch und Netzwerken.

Fazit des Querdenker-Gipfels: Am spannendsten ist die Frage, die man dem Innovation Prozess stellt. Wenn sie wohl überlegt ist, können die Antworten sprudeln, die neue Geschäftsfelder öffnen - oder auch Lösungen für globale Probleme wie Hunger, Klimawandel und Umweltzerstörung erschaffen.
 



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