| Quelle: |
Plattform Nachhaltig Wirtschaften |
| Rubrik: |
Fachbeiträge|Themen|Green Money |
| Datum: |
11.07.2012 |
Optimismus angebracht?
Chancen und Grenzen nachhaltiger Geldanlagen und Ratings - Von Johannes Hoffmann
Wie uns die Finanzkrise lehrt, leben wir in einem Wirtschaftssystem, in dem das Geldkapital Vorrang hat vor allen anderen Werten, vor Natur, Mensch, Gemeinwohl, etc. Der durch die Absolutsetzung des Geldes hervorgerufene Substanzverzehr an den Gemeinressourcen regt die Menschen in unserer Gesellschaft dazu an, Ideen im Interesse einer zukunftsfähigen Marktwirtschaft zu testen, eingedenk einer soziologischen Erkenntnis, dass alle Systeme oder auch Mechanismen, Ergebnis sozialer Prozesse in Gesellschaften sind, die durch soziale Prozesse in den Kulturen auch wieder geändert werden können. Die ethisch-ökologische Geldanlage und ethisch ökologische Bewertung von Unternehmen und Kapitalanlagen werden dafür als eine Möglichkeit gesehen.
 | Geld wächst auch nachhaltig angelegt nicht auf der Wiese, aber es steht konventionell angelegtem in nichts nach. - Foto: © Gerd Altmann / pixelio.de |
Der erfolgreiche Boykott von Dow Chemical in den USA während des Vietnamkrieges und des Apartheitsregimes in Südafrika motivierte ethisch orientierte Investoren, Geldanlagen nicht nur als Mittel für einzelne spektakuläre Aktionen, sondern ganz systematisch für eine ethisch-ökologische Gestaltung des Finanzmarkts einzusetzen. Das begann in den USA und in England bereits in den 1980er Jahren. Auch in Deutschland machte diese Entwicklung Schule. Voraussetzung für die Umsetzung dieser Verantwortung war ein Instrument, mit dem die Natur-, Sozial- und Kulturverträglichkeit von Unternehmen und Kapitalanlagen bewertet werden konnten. U.a. nahm sich die Projektgruppe Ethisch-Ökologisches Rating (EÖR) am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe-Universität der Sache an. Ein erstes Ergebnis war der sogenannte Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden (FHL), eine international anerkannte Kriteriologie, die im Corporate Responsibility Rating (CRR) der oekom research AG in München ihren Niederschlag gefunden hat.
Das CRR ist am Markt etabliert. Die oekom research AG konnte nach eigenen Angaben ihre Marktposition im vergangenen Jahr weiter ausbauen. Der Kundenstamm umfasst inzwischen mehr als 70 Asset-Manager und institutionelle Kunden wie kirchliche Einrichtungen, Stiftungen, Pensionskassen und Versicherungen aus insgesamt neun Staaten. Aktuell fließen diese Ratings in die Kapitalanlage von über 140 Milliarden Euro ein. Ein weiterer Schritt war die Gründung eines Zusammenschlusses ethisch orientierter Investoren im Jahr 2000 als Informations- und Beteiligungsplattform (www.cric-online.org). Die Entwicklung in Deutschland wie auch in anderen Ländern zeigt, dass ethisch motivierte Investoren den Anstoß für das Marktsegment ethische Geldanlagen gegeben haben und dass sie dies auch nutzen.
Nachhaltige Anlagen bieten Chancen ...
Die Entwicklung in Deutschland und Europa ist eine Erfolgsgeschichte, die etwa im Jahr 2000 begann. Nach Angaben des Sustainable Business Institute (SBI) waren zum 31.03.2012 im deutschsprachigen Raum 375 nachhaltige Publikumsfonds (im Jahr 2000 waren es nur etwas mehr als zehn) mit einem Anlagevolumen von 34 Mrd. Euro am Markt. In Europa waren Ende Juni 2011 886 Nachhaltigkeitsfonds mit einem Volumen von "84,4 Mrd. Euro zum Vertrieb zugelassen". Das entspricht einem Marktanteil von 1,42 Prozent an allen in Europa zugelassenen Publikumsfonds. Schließlich sei noch der Stand der Unterzeichner der UN Principles for Responsible Investment (UN PRI) angeführt. Ende 2011 lag die Zahl der Unterzeichner bei 980, deren Anlagevolumen beträgt über 30 Billionen US-Dollar.
Nachhaltige Geldanlagen erweisen sich auch für Großinvestoren wie Pensionskassen, Versicherungen etc. als besonders interessant. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass langfristige (zehn Jahre und länger) ethisch-ökologische Anlagen in die Realwirtschaft (Green Building, Nachhaltige Infrastruktur sowie Land und Forst) bei einer durchschnittlichen Rendite von drei Prozent über der Inflationsrate genau das erwirtschaften, was diese Institutionen für die Erfüllung ihrer Vertragspflichten benötigen und was gleichzeitig nachhaltige Projekte der Realwirtschaft fördert.
Die Zeichen für ethische Geldanlagen stehen also gut, einmal weil inzwischen durch zahlreiche Studien nachgewiesen wurde, dass ethische Geldanlagen in der Regel in Bezug auf die Rendite den konventionellen nicht nachstehen, ja, dass sie aus kaufmännischen Erwägungen zweckmäßig sind. In einer neuen Studie kommen Harvard Business School und London School of Business zu dem Schluss, dass Aktien, die ESG-Kriterien berücksichtigen, nach drei Jahren eine positive Outperformance aufweisen, die mit der Länge des Anlagehorizonts stetig wächst. Analysiert wurden 180 US-amerikanische Unternehmen zwischen 1993 und 2010.
Auch die Informationsmöglichkeiten für ethisch orientierte Anleger haben sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Sieht man einmal davon ab, dass zahlreiche Agenturen vornehmlich ökonomische Nachhaltigkeit im Blick haben und nur eine kleine Gruppe wertorientiert genannt werden kann, wie Henry Schäfer in seiner Transparenzstudie 2004 gezeigt hat, so gibt eine gerade erscheinende Studie der Projektgruppe EÖR von C. Döpfner und H. A. Schneider Auskunft über Qualität und Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeitsratings.
... haben aber auch Grenzen
AXA Investment Managers befragten 1.000 Privatanleger und fanden u.a. heraus, dass immer noch 40 Prozent der Ansicht sind, dass nachhaltige Geldanlagen weniger Rendite bringen und über 30 Prozent würden gern nachhaltig ihr Geld anlegen, kennen aber keine entsprechenden Produkte. Viele Anbieter geben nur vage Auskunft über das Nachhaltigkeitsrating, das sie zugrunde legen.
Es ist normal, dass verschiedene Ratingagenturen, die mit dem Anspruch auftreten, "Nachhaltigkeit" zu bewerten, die Nachhaltigkeitsperformance einzelner Unternehmen unterschiedlich einschätzen. Mittlerweile sollten unbedingt einheitliche Maßstäbe gelten. Ziel der nachhaltigen Entwicklung besteht laut Brundtland-Kommission und Enquete-Kommission darin, dass die genutzten Gemeinressourcen nicht länger aufgezehrt, sondern in ihrem Potenzial für künftige Generationen erhalten werden. Ein dieser Definition folgendes Nachhaltigkeitsrating darf das höchste Prädikat nur an Unternehmen vergeben, die alle genutzten Gemeinressourcen so behandeln wie ihre eigenen Produktionsanlagen, d.h., jeden Verbrauch von Natur-, Sozial- und Kulturkapital durch geeignete Ersatzinvestitionen kompensieren.
Um Nachhaltigkeit in der Marktwirtschaft voranzubringen, muss Ethisches Investment daher durch Gesetze flankiert werden, denn unsere Wirtschaftsgesetze verhindern nachhaltige Entwicklung. Erhaltung bedeutet, dass das Abgenutzte regeneriert wird. Da das nicht geboten ist, bewirkt der Wettbewerb Substanzverzehr an Gemeinressourcen. Damit Substanzerhalt zur Pflicht wird, muss im § 903 BGB das Recht des Eigentümers, mit seinem Eigentum "nach Belieben" zu verfahren, nicht nur durch "das Gesetz oder Rechte Dritter" begrenzt werden, sondern zusätzlich durch "die Pflicht zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen." Den Schutz der Gemeingüter fordert das Grundgesetz bereits, in den Artikeln 14. 2 ("Eigentum verpflichtet") und 20a ("Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen"). Daher sollte in § 4 UWG das Verschweigen jeder noch stattfindenden Externalisierung als unlauter erklärt werden (siehe: www.nehmenundgeben.de). Die zivilgesellschaftliche Reflexion über den Schutz der Gemeingüter betrachtet auch die sozialen Lebensgrundlagen als Gemeinressourcen. Ihr Schutz sollte analog im § 903 BGB geregelt werden.
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