Es war einmal...

Schnippeln gegen die Verschwendung

Die Aktivistin Talley Hoban will durch Kochevents Bewusstsein für Nachhaltigkeit wecken

Einfälle statt Abfälle – so wirbt Talley Hoban für ihre nach­haltigen Kochevents. Im Vordergrund stehen gerettete Le­bensmittel, die sie, gemeinsam mit Freiwilligen, zu leckeren Speisen verarbeitet. Und getanzt wird dabei auch.
 
Zusammen mit dem Mainzer Kunst ­und Kulturverein »Peng« hat Talley Hoban eine Schnippelparty für Flüchtlinge – und vor allem mit ihnen – organisiert. © Julia Herz-el Hanbli»Warte, nicht schälen. Putzen reicht.« Vorsichtig nimmt die rothaarige Frau die Möhren aus der Hand des Mannes, der sich gerade mit einem Schäler an die Arbeit machen wollte. »Das gehört übrigens auch zu meinem Konzept, das Gemü­se nur zu schrubben«, erklärt sie, legt die Möhren auf das Schneidebrett und beginnt, sie in mundgerechte Stücke zu schneiden: »Man muss nicht immer alles schälen.«
 
Talley Hoban ist Lebensmittelretterin. So jedenfalls nennt sie sich. Früher traf man sie oft hinter Supermärkten, wie sie aus den Müllcontainern gut erhaltenen Rosenkohl oder Säcke von Reisverpackungen vor ihrem allzu frühen Ende auf der Müll­halde rettete. Freeganer – so nennen sich die Mitglieder dieser konsumkritischen Protestbewegung. Nachdem sie zunächst von einem Couchsurfer darüber gehört hatte, wurde sie spä­ter selbst eine von ihnen. Mittlerweile ist sie Botschafterin von Foodsharing, einer von vielen Organisationen, die sich der Rettung von Lebensmitteln verschrieben haben. »Containern war quasi eine Art »Studium«, das ich durchmachte«, erzählt Talley schmunzelnd. »Nun mache ich etwas anderes.«
 
Vor knapp zwei Jahren hat sie ein eigenes Projekt ins Leben gerufen, das sie »Back to the Roots – die Schnippelparty« nennt. Seitdem trifft man die 41-jährige Wahl-Wiesbadene­rin oft draußen bei diversen Kulturevents, an Tischen, auf denen sich Berge von »gerettetem« Gemüse türmen, wäh­rend sie den freiwilligen Helferinnen und Helfern zeigt, wie das Gemüse geschnitten wird. Oder über ihrem ungarischen Gulasch-Kochtopf gebeugt und den Inhalt abschmeckend.
 
Schnippelparty goes Völkerverständigung
Aktuell verfolgt sie eine neue Idee, die sie auf ihren Schnippel­partys umsetzen möchte. Zusammen mit dem Mainzer Kunst ­und Kulturverein »Peng« hat sie eine Schnippelparty für Flüchtlinge – und vor allem mit ihnen – organisiert. Sie sind seit Kurzem die neuen Nachbarn der Kunst- und Kulturschaf­fenden und teilen sich die Räume einer leerstehenden Grund­ schule. Da es draußen noch recht kalt ist, findet ein Teil der Schnippelparty in geschlossenen Räumen statt. Im Weißen Raum, ehemals Klassenzimmer und heute ein provisorisches Flüchtlings-Café, wurden ein paar Schultische kurzerhand zu einer Schnippelmeile zusammengestellt. Und die Bierbank auf der anderen Seite des Raumes ist mit Hilfe zweier großer Plastikbehältern zur Kartoffelwaschanlage mutiert.
 
Was auf der Schnippelparty zubereitet wird, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel. Zumindest solange, bis Talley von ihrer Tour bei den Bauern zurückkommt. Das Gemüse, das dort holt, haben diese selbst als Spende für ihre Tiere bekommen. »Doch mittlerweile müssen auch sie vieles davon wieder weg­werfen«, verrät Talley. Heute hat sie Kartoffeln, Möhren, Pe­tersilie sowie Paprika und Salat mitgebracht. Also: Veganer Gemüseeintopf mit Salat.
 
Neben Patrick, dem Bruder von Talley und einigen »Peng«- Mitgliedern haben sich bereits zwei Männer aus dem Flücht­lingsheim im Weißen Raum eingefunden. Patrick zeigt auf den Sack Kartoffeln, den Talley mitgebracht hat: »Die Kar­toffeln werden nur geputzt, nicht geschält«, erklärt er ihnen.
Die Männer lächeln und machen sich an die Arbeit. Die Idee zu den Schnippelpartys kam der leidenschaftlichen Gastgeberin vor ein paar Jahren in ihrer heimischen Küche. Damals war sie noch Couchsurferin und kochte immer mal wieder für ihre Gäste mit »gerettetem« Gemüse. »Aber als ich beschlossen habe, mit meinen Koch-Sessions an die Öf­fentlichkeit zu gehen, da wusste ich, dass ich das mit den ›containerten‹ Lebensmitteln nicht machen kann«, sagt die Foodsharing-Botschafterin.
 
Jedes Jahr werde in Deutschland pro Kopf knapp 82 Kilo Le­bensmittel weggeworfen, so eine Studie des Instituts für Wassergüte- und Abfallwirtschaft in Stuttgart. Sehr oft sind es Lebensmittel, die eigentlich noch in gutem Zustand sind. Auf der Müllhalde landen sie dennoch – weil die Äpfel ein paar unansehnliche Druckstellen haben, die Bananen nicht mehr makellos gelb sind oder das Mindesthaltbarkeitsdatum von Joghurt, Quark & Co abgelaufen ist. Aber oft kommt das Ge­müse oder das Obst auch gar nicht bin in den Laden. Schon bei der Ernte fallen die Kartoffeln durch das Raster, wenn sie nicht ihrer Normgröße entsprechen.
 
Schnippeln im Akkord
Einfälle statt Abfälle – so wirbt Talley Hoban für ihre nach­haltigen Kochevents. © Julia Herz-el HanbliAuch wenn Talley mittlerweile nicht mehr »containern« geht – sich gegen Lebensmittelverschwendung einzusetzen, ist nach wie vor ihr Ziel. Inzwischen füllt sich die Schnippel­küche zunehmend mit Menschen. Immer mehr Flüchtlinge – Männer, Frauen und Kinder – und Leute vom Peng kommen herein, schauen neugierig zu oder greifen sofort zu Schneide­brett und Messer. Nun muss Talley nicht mehr selbst Gemüse schnip­peln. Jetzt heißt es: organisieren und deligieren. An einem Tisch fehlt ein Behälter für die geschnit­tenen Kartoffeln. Am anderen warten Männer und Frauen, die meisten kommen aus Bosnien und Albanien, auf mehr Gemüse, dass es zu zerkleinern gilt. Die Anspannung ist Talley anzusehen. Sie geht von einem Tisch zum nächsten, sucht Behälter, verteilt neues Gemüse. Die roten Haare, vor­her noch offen getragen, hat sie mittlerweile zu einem Pferde­schwanz zusammengebunden. Beim Salattisch muss sie dann doch noch kurz selbst Hand anlegen. »Das geht auch schneller«, findet sie, nimmt den Salatkopf in die Hand und prompt fliegen die Salatblätter in die Salatschüssel.
 
Gut eine Stunde ist vergangen. Die Schnippelphase neigt sich dem Ende. Zeit, das Feuer anzumachen. »Wir brauchen end­lich mal Musik!« fällt Talley ein. Normalerweise, erzählt sie, spielt immer eine Musikband während ihrer Schnippelpartys. Aber normalerweise finden ihre Schnippelpartys auch im Sommer statt, auf diversen Open-Air-Kulturevents – für die sie von den Organisatoren manchmal sogar Geld bekommt. »Das ist mein Taschengeld«, fügt sie lachend hinzu. Heute muss Musik aus der Dose reichen.
Gekocht wird draußen. Dort hat Talley schon eine Kochstel­le eingerichtet. Den Feuerofen, sowie das Holz hat sie von zu Hause mitgebracht. Einige der Männer, die vorher in der Schnippelküche ausgeholfen haben, haben sich bereits drau­ßen versammelt. Anfangs schauen sie Talley zu, wie sie die Äste in dem Ofen schichtet. Nachdem das Holz Feuer gefan­gen hat, setzt sie ihren Vegantopf, wie sie den ungarischen Gulaschtopf scherzhaft nennt, darauf. Öl rein, dann eine Mischung aus Knoblauch und Chilli. Prompt nimmt einer der Männer den Kochlöffel und beginnt, im Topf zu rühren. Eine würzige Knoblauchwolke steigt über den Köpfen der Anwe­senden auf. »Das finde ich gut an den Schnippelpartys«, er­zählt Talley später: »Jeder kann sofort mitmachen.« Das war auch ein Grund, warum sie mit Flüchtlingen und Einheimi­schen kochen wollte. Kochen als gemeinsame Sprache.
 
Albanischer Hiphop
Nun heißt es warten – und tanzen. Einige der jungen Männer haben bereits ein paar größere Lautsprecherboxen für drau­ßen organisiert und Musik angemacht. Albanischer Rap und Hiphop erklingt. Die jungen Männer singen kräftig mit. Tal­ley tanzt, versucht es wenigstens. Später macht sie eigene Musik an, die laut aus den geöffneten Autotüren dröhnt. »So lernt man auch voneinander« schmunzelt sie.
Währenddessen sind ein paar weitere Helfer aus Talleys Freundeskreis eingetroffen und haben begonnen, das Buf­fet herzurichten. Sie holen Kisten mit Geschirr, Besteck sowie eine Tasche mit Brötchen aus ihrem Auto. Auch eine kleine Tasche mit Joghurt und Schmand ist auch dabei. »Nicht nur Gemüse wird weggeschmissen«, weiß sie zu be­richten.
Es ist dunkel geworden. Ein paar Männer sitzen draußen ne­ben der Kochstelle, sie haben eine Schulbank etwas näher heran gerückt, um sich am Feuer zu wärmen. Leise tippt ein junger Mann in sein Smartphone. Andere hören Musik. Die Schnippelküche ist mittlerweile einem Esszimmer gewichen. Talley und ihre Helfer sind eifrig dabei, Brot zu schneiden. Aus saurer Sahne und einigen Gewürzen, die Talley mitgebracht hat, wird eine Art Brotaufstrich kreiert. Das Buffet ist eröffnet. Von den Flüchtlingen, die vorhin eifrig mitgeschnippelt ha­ben, ist zunächst kaum einer da. Nur ein paar Gäste vom »Peng« machen es sich mit einem Teller Salat sowie Eintopf am Essenstisch gemütlich. Doch nach und nach kommen die Flüchtlinge dazu.
 
Die Autorin, Bloggerin und Journalistin Julia Herz-el Hanbli.Eine junge Frau aus Afghanistan fragt mich später in gebrochenem Englisch, worum es bei der Aktion geht. Ich versuche, es ihr zu erklären, erzähle von Lebens­mittelverschwendung in Deutschland und dass Talley durch diese Schnippelpartys darauf aufmerksam machen und Be­wusstsein schärfen will, um das zu ändern. Die junge Frau lächelt mich an, und ich frage mich, ob sie das versteht. //
 
Weitere Infos www.facebook.com/Schnippelparty/info?tab=page_info
 
Julia Herz-el Hanbli lebt und arbeitet als Journalistin, Autorin und Bloggerin in Mainz.
 
Gesellschaft | WIR - Menschen im Wandel, 01.04.2015
Dieser Artikel ist in forum Nachhaltig Wirtschaften 02/2015 - Nachhaltige Mode erschienen.
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